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Der Jagdwirt – nach dem Revierhegemeister ist noch lange nicht Schluss!

 

Autoren: Peter Braun, Christoph Maetz und Michael Ohlhoff

BoKu Wien 2022

Zufälle gibt es ja nicht – aber dass sich gleich drei deutsche Jagdaufseher / Wildtierschützer und Revierhegemeister BDJV zum Studium des Akademischen Jagdwirts an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien bei Prof. Dr. Hackländer einschreiben und treffen, ist dann wohl ein Zeichen. Der Universitätslehrgang Jagdwirt (mittlerweile im 14ten Jahrgang) der Universität für Bodenkultur Wien des Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (IWJ) hat mit Univ.Prof. Dr. Klaus Hackländer als wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrgangs Jagdwirt den in deutschsprachigen Raum führenden Wildbiologen, welcher zum 01.01.2021 zu Vorsitzender der Deutschen Wildtier Stiftung ernannt wurde. 

Der Lehrgang besteht aus 10 Lehreinheiten die in den unterschiedlichen Bundesländern in Österreich stattfinden. Im Lehrgang muss ein Fachreferat gehalten werden, zum Ende des Lehrganges findet eine schriftliche Prüfung sowie die Präsentation der Abschlussarbeit statt. Die Abschlussarbeiten werden alle von der Boku veröffentlich. (https://jagdwirt.at/Jagdwirt-Lehrgang/Abschlussarbeiten). Wie kam Prof. Hackländer auf die Idee diesen Lehrgang anzubieten? Ihm fiel am Anfang seiner Lehrtätigkeit aus, das „ältere“ Semester in seine Vorlesungen teilnahen. Diese Teilnehmer stellten sich als Jäger heraus, die sich weiter bilden wollten. Für diese Gruppe wurde der Lehrgang geschaffen. 

Die Teilnehmer kommen nicht nur aus Deutschland und Österreich – sondern ebenso aus Südtirol, der Schweiz und aus dem Elsass. Die Bewerbung für den Lehrgang erfolgt schriftlich, Corona bedingt fand das Bewerbungsgespräch nicht persönlich in Wien statt – sondern online per Video Konferenz. Die 20 zum Studium zugelassenen Jäger und Jägerinnen in unserem Kurs kommen aus den verschiedenen Bundesländern Österreich und Deutschlands – diesmal leider nur mit einem Teilnehmer aus der Schweiz. 

Der erste Lehrgang fand vom 23. bis 26.09.21 auf der Burg Hohenwerfen (Salzburg) statt und umfasste die Einführung in der Lehrgang, eine Darstellung der Jagdgeschichte und hatte als Schwerpunkt die Falknerei: Greifvögel und Eulen. Wirklich begeisternd war die [praktische Darstellung und Einführung in die Jagdmusik. Von Corona war insbesondere der vorherigen Jahrgang betroffen, so fand die zweite Lehreinheit, gemeinsam mit XIII. Jahrgang in Klagenfurt / Kärnten statt vom 4.11 – 7.11.21. Der Schwerpunkt lag bei diesem mal auf Jagdwaffen und – Optik, Waffenrecht, sowie bei den Konfliktierarten Bär, Luchs, Wolf. 

Höhepunkt dieser Einheit was der Besuch der Büchsenmacher Schule in Ferlach – mit Besuch der Werkstätten und Schiessanlage im Keller. Unter „normalen“ Umständen finden die Lehreinheiten immer in der Region der thematisch schwerpunktmäßig zu behandelnden Tierarten statt, also zum Beispiel Steinwild in Vorarlberg oder Hasen im Burgenland. Aber wir kennen ja alle die Tücken der Terminplanung unter Corona Bedingungen und so fanden wir uns alle in der österreichischen Hauptstadt Wien wieder und nicht in Mils bei Hall in Tirol. Nach vielen Jahrzehnten wieder an einer Universität die „Schulbank“ zu drücken war schon ein tolles Gefühl. 

Die inzwischen dritte Unterrichtseinheit, vom 24.02- 27.22 – an der BOKU brachte uns dies diese Themen: Wildkrankheiten: Bedeutung für das Wild und den Menschen, über Ethik in der Tier-Mensch-Beziehung, bis zu betriebswirtschaftlichen Aspekten im Jagdbetrieb. Die Bilder zu diesem Beitrag stammen von der dritten Lehreinheit. 

Die 4. Lehreinheit führte uns nach Poysdorf / Niederösterreich vom 31.03 – 3.04.22 in eine sehr reizvolle Landschaft, geprägt vom Landwirtschaft und Weinbau. Die Themenfelder waren, das Niederwild, die Landwirtschaft im EU-Kontext, das Haarraubwild. Sehr spannend war der Vortrag des Grafen Hardegg und die anschließende Exkursion zu seinen Niederwildschutzprojekten, die im Rahmen der von Ihm betriebenen ökologischen Landwirtschaft. Abgeschlossen wurde dieser Praxistag mit dem Besuch des Weingutes des Grafen. 

Die 5. Lehreinheit in Oberlech am Arlberg (Vorarlberg) steht vor der Tür – vom 07.7 – 10.07.22 – dieses mit folgenden Programm: Steinwild, Murmeltier, Wald- und Jagdpädagogik, Überwinterungsstrategien im Tierreich. Geplant ist eine Exkursion früh morgens, um Steinwild, Gamswild und Murmel in der in Bergen zu beobachten. Unser Zwischenfazit ist: es ist nicht nur die moderne, innovative und spannende Weiterbildung- die wirklich Einzigartig ist. Wann hat man schon Gelegenheit sich mit hochqualifizierten Lehrenden aus Forschung und Praxis auszutauschen? 

Es ist auch das Treffen von Gleichgesinnten aus Europa.

Wildbrethygiene bei Bewegungsjagden auf Schalenwild

Abschlussarbeit Revierhegemeister von Bernhard Züwerink

Wildbrethygiene bei Bewegungsjagden auf Schalenwild

Wildfleisch erfreut sich beim Verbraucher großer Beliebtheit, weil es häufig über kurze Wege frisch auf den Tisch gelangt. Im Gegensatz zu dem Fleisch landwirtschaftlicher Nutztiere wird dieses Lebensmittel überwiegend von Jägerinnen und Jägern gewonnen, die hierzu speziell ausgebildet sind. Im modernen Verständnis besteht die einzige Legitimation für die Jagd auf wildlebende Tiere in ihrer Nutzung, also in der Bereitstellung natürlich gewachsener Produkte für den sinnvollen Gebrauch durch den Menschen.

Gleichzeitig stellt die Gewinnung von Lebensmitteln den in § 4 Abs. 1 des Tierschutzgesetzes geforderten „vernünftigen Grund“ zur Tötung eines Wirbeltieres dar. Die Erbringung von hygienisch einwandfreiem Wildbret ist daher ein wichtiger Aspekt bei der Bejagung von Wild im Rahmen von Bewegungsjagden. Die gestiegenen Ansprüche der Verbraucher und nicht zuletzt die seit dem 1. Januar 2006 geltenden EU-Verordnungen, des so genannten Lebensmittelhygienepakets, haben die Anforderungen an die Gewinnung und Behandlung von Wildfleisch erhöht. Die Wildbrethygiene beginnt bereits bei der Beobachtung des zu erlegenden Stückes.

Ab diesem Zeitpunkt trägt der Jäger die Verantwortung für das für den menschlichen Verzehr bestimmte Lebensmittel. Die zu erwartende Wildfleischqualität hängt im Wesentlichen von der Jagdmethode und dementsprechend vom anfänglichen Keimgehalt der Körperoberfläche, vom Sitz des Schusses und vor allem von der Hygiene beim Aufbrechen sowie der Zeit zwischen Erlegen und Aufbrechen ab. Der anfängliche Keimgehalt bei auf Bewegungsjagden erlegten Stücken ist tendenziell deutlich höher als bei auf Einzeljagden erlegten Stücken.

Die Ursachen sind in erster Linie auf schlechtere Erlegungsumstände sowie eine verspätete und unsachgemäße Versorgung des Wildes zurückzuführen. Was ist zu tun, damit dennoch ein qualitativ hochwertiges Wildfleisch gewonnen werden kann, und wie ist eine Bewegungsjagd unter wildbrethygienischen Gesichtspunkten zu organisieren?

Wildbret als Lebensmittel

Wildbret wird als qualitativ hochwertiges Naturprodukt angesehen, da es von Tieren stammt, die in freier Wildbahn nahezu uneingeschränkte Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit der individuellen Nahrungsselektion hatten, was für die Aromabildung und Zusammensetzung des Fleisches bedeutsam ist. Für den Konsumenten sind es zuerst die unmittelbaren Wahrnehmungen, wie Geruch, Geschmack, Zartheit und Farbe, die das Wildfleisch als Lebensmittel appetitlich machen. Der Geruch des Wildbrets ist zwar für jede Wildart verschieden, aber sehr dezent und artspezifisch typisch. Bezüglich der Fleischfarbe unterscheidet sich das Schalenwild von den Schlachttieren dadurch, dass es kräftig rot bis sehr dunkel ist. Zudem ist es in der Faser zarter als das der landwirtschaftlichen Nutztiere und feinaromatisch im Geschmack.

Linke Körperseitenansicht des Rehbocks mit Zehner-Ringeinteilung Quelle: DEUTZ, 2012, S. 33.

Linke Körperseitenansicht des Rehbocks mit Zehner-Ringeinteilung
Quelle: DEUTZ, 2012, S. 33.

Der ernährungsphysiologische Wert des Wildfleisches wird durch seinen hohen Eiweißgehalt (21-23 %), den geringen Fettanteil (1- 8 %) und hohe Mineralstoff- und Vitaminwerte bestimmt. Aufgrund des geringen Fettanteils wird es bevorzugt in Diätküchen herangezogen. Hinsichtlich des ethischen und ökologischen Wertes ist es dem Fleisch von Schlachttieren weit überlegen, da Art der Tierhaltung, Fütterung, Transport und Schlachtung bei Wildtieren aus freier Wildbahn von untergeordneter Bedeutung sind. Noch liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Wildbret in Deutschland unter einem Kilogramm, er steigt aber kontinuierlich an. Demgegenüber steht ein Gesamtfleischverbrauch pro Kopf von 56,4 kg in 1998 und 49,5 kg in 2018 (Quelle: Statistisches Bundesamt, Thünen-Institut, BLE).

Das Jahresaufkommen von Wildbret in Deutschland lag im Jagdjahr 2016/2017 bei 60.963 Tonnen, dieser Wert bezieht sich auf das Rohaufkommen in der Decke und Schwarte. Mit 23.093 Tonnen macht das Schwarzwild den Großteil des Wildbretaufkommens aus, gefolgt von Rehwild 12.738t, Rotwild 4874t und dem Damwild 2.131t (DJV, 2018). Bei der Beurteilung des tatsächlichen Verzehrs von Wildbret ist zu berücksichtigen, dass ein hoher Anteil des Wildbrets inländischen Ursprungs direkt vom Jäger an den Endverbraucher abgegeben wird und somit nicht erfasst werden kann.

Die Bewegungsjagd als Jagdmethode und ihre Wirkung auf das Wildbret

Die Jagdausübung auf Schalenwild in Gesellschaft kann in unterschiedlichen Formen erfolgen, die nicht zuletzt historisch gewachsen sind. Für sie alle wird heute der Oberbegriff „Bewegungsjagd“ verwendet. Darunter versteht man eine vorzugsweise revierübergreifende Jagd auf Schalenwild bei optimierter Verteilung fester Schützenstände auf gesamter Fläche und ausdauerndem „Anrühren“ des Wildes mit Hunden und Treibern. Die Bewegungsjagd ist eine zeitgemäße, wildbiologisch orientierte und effiziente Jagdmethode, bei der an einem Jagdtag eine größere Menge an Wild erlegt werden soll.

 

#Da der Schalenwildabschuss in größeren Revieren auch mit professioneller Betreuung durch Forst- oder Jagdpersonal kaum noch auf der Einzeljagd zu bewältigen ist, soll durch diese Jagdmethode ein wesentlicher Teil des Abschusses planmäßig, selektiv und tierschutzgerecht erfüllt werden. Die beste Zeit für die Durchführung einer Bewegungsjagd ist der Herbst. Nach dem Laubfall kann anwechselndes Wild auf weitere Entfernung bereits früh gesehen und sicherer angesprochen und erlegt werden. Bewegungsjagden finden in der Regel in Form einer Treib-, Stöber-, Drück- oder Ansitzdrückjagd statt.

Bei der Treibjagd wird das Wild mit Hilfe einer großen Anzahl von Treibern hochgemacht und in Bewegung gesetzt, damit es von den Schützen erlegt werden kann. Diese Jagdform erzeugt von den Bewegungsjagden den größten Druck und die größte Beunruhigung des Wildes. Wird nur mit Hunden gejagt, dann handelt es sich um eine Stöberjagd. Gefundenes Wild soll der stöbernde Hund auf der Spur jagen, bis es die Deckung verlassen muss und beschossen werden kann. Bei Stöberjagden sollten ausschließlich spurlaute und solo jagende Hunde eingesetzt werden. Unterschiede zwischen der Drück- und Treibjagd gibt es bei der Art der Durchführung. Bei der Drückjagd werden weniger Treiber eingesetzt, die das Wild ohne viel Lärm im Einstand beunruhigen.

Die Schützen stehen in größeren Abständen an besonders aussichtsreichen Stellen. Von einer Ansitzdrückjagd wird gesprochen, wenn mehrere Jäger im Revier verteilt an den Wildwechseln ansitzen und gleichzeitig das Wild von einigen Treibern (und Hunden bei Schwarzwildaufkommen) rege gemacht wird. Die Bewegungsjagd beinhaltet mehr als die früher meist einseitig als „Gesellschaft auf Schalenwild“ praktizierten Treib-, Stöber-, Drück- oder Ansitzdrückjagden, sondern ist im Idealfall eine zielführende Kombination derselben. Da bei diesen Jagdformen häufig größere Strecken erzielt werden und das erlegte Wild am Ende der Jagd an Teilnehmer oder an Dritte veräußert wird, ist die Wildbrethygiene bei diesen Jagden von besonderer Bedeutung.

Probleme der Wildbrethygiene

Die Jagdmethode hat einen erheblichen Einfluss auf die spätere Wildbretqualität. Der Anfangskeimgehalt der Fleischoberflächen beeinflusst die hygienische Qualität und Lagerfähigkeit von Wildfleisch in hohem Maße. Selbst wenn Wildbret hygienisch einwandfrei gewonnen wurde, ist es an der Fleischoberfläche nie keimfrei. Keimgehalte von 105 Mio. Keime/cmL sind zum Zeitpunkt der Verarbeitung von Wildfleisch „normal“. Die Oberflächenkeimgehalte bei auf Bewegungsjagden erlegten Rehen können anfänglich bereits bei 107 Mio. Keime/cmL liegen, bei auf Einzeljagd erlegten Rehen hingegen nur um 105 Keime/cmL.

In der nachfolgenden Übersicht geben WINKELMAYER und PAULSEN Richtwerte für die Oberflächenkeimgehalte auf Wildfleisch an. Demzufolge ist der Keimgehalt von auf Bewegungsjagden erlegten Rehen bereits als kritisch zu bewerten.

Tabelle: Beurteilung von Wildfleischoberflächen zum Zeitpunkt der Verarbeitung Quelle: PAULSEN, WINKELMAYER, 2004 (verändert nach DEUTZ, 2012, S. 96).

Tabelle: Beurteilung von Wildfleischoberflächen zum Zeitpunkt der Verarbeitung
Quelle: PAULSEN, WINKELMAYER, 2004 (verändert nach DEUTZ, 2012, S. 96).

Der Oberflächenkeimgehalt ist abhängig vom Sitz des Schusses, der Arbeitshygiene beim Aufbrechen, dem Zeitraum zwischen Erlegen und Aufbrechen, sowie dem Zeitpunkt bis zur Kühlung. Nach den Erfahrungswerten verschlechtert sich der Hygienezustand proportional zur Zahl des erlegten Wildes. Gründe sind ungünstige Transportbedingungen, wie das Übereinander Stapeln von nicht ausgekühltem Wild und nicht zuletzt eine geringere persönliche Verantwortung des Jägers in Sachen Wildbrethygiene im Zuge von Bewegungsjagden gegenüber der Einzeljagd.

Bei gutem Schuss, fachgerechtem Aufbrechen und damit niedrigem Ausgangskeimgehalt ist das Wildbret bei 5°C ca. 18 Tage lagerungsfähig, wohingegen Wildbret bei einem hohen Ausgangskeimgehalt bei derselben Temperatur lediglich nur 3 Tage lagerungsfähig ist.

Trefferlage

Nach Untersuchungen von DEUTZ und PLESS ist die Trefferlage erlegter Stücke bei Bewegungsjagden deutlich schlechter im Vergleich zur Einzeljagd. In der nachfolgenden Darstellung wird aufgezeigt, dass bei der Einzeljagd 9 % der erlegten Stücke durch Weichwundschüsse erlegt wurden, der Prozentsatz bei auf Stöberjagden erlegten Stücken lag hingegen bei 30 %.

Quelle: DEUTZ, 2012, S. 34.

Quelle: DEUTZ, 2012, S. 34.

Die optimale Trefferlage für die Erlegung von Wild wird durch den Kammerschuss erreicht. Dabei wird die Lunge, beim Tiefblattschuss auch das Herz getroffen. In beiden Fällen werden große Blutgefäße geöffnet die ein rasches Verenden des Wildes begünstigen.

Je weniger Blut in den Adern und der Muskulatur vorhanden ist, desto günstiger wird die Haltbarkeit des Wildbrets beeinflusst. Weichschüsse sind am hygienisch problematischsten, da sie ins oder durch das Gescheide treffen. Überträgt man den Sitz der Organe auf einen „Scheibenbock“, wird schnell sichtbar, dass sogar bei einem Treffer im 10er-Bereich das Zwerchfell, die Leber und auch der Pansen getroffen werden kann.  Besonders Rehwild ist aufgrund seines lockeren Bindegewebes „schussweich“, d.h., zu starke oder rasante Kaliber verursachen Hämatome und begünstigen den Eintrag von Bakterien. Durch einen Weichschuss werden Bakterien aus dem Magenund Darmbereich in hoher Anzahl in die Blutgefäße eingeschwemmt und innerhalb von Sekunden im noch funktionierenden Kreislauf umverteilt.

In den nachfolgenden Stunden vermehren sich die Bakterien zum Teil explosionsartig, da der Wildkörper zum Zeitpunkt des Erlegens eine Temperatur zwischen 37°C und 40°C aufweist und nur sehr langsam auskühlt. Zu einer mangelnden Fleischreifung kommt es daher häufig bei Bewegungsjagden, wenn das Wild vor dem Erlegen erhöhtem Stress ausgesetzt war, z.B. infolge einer lang andauernden Verfolgung durch jagende Hunde. Das für die Fleischsäuerung benötigte Glykogen wird bei der Flucht rapide abgebaut und steht dann für die Umwandlung in Milchsäure nur noch in geringerer Menge zur Verfügung. Die unvollständige Fleischreifung kann den Verderb von Fleisch und die Vermehrung von Keimen beschleunigen. Wildbret derartiger Stücke ist aus lebensmittelhygienischer Sicht oft nicht verkehrsfähig.

Das Ausmaß des pH-Abfalls wird vorwiegend durch die zum Zeitpunkt des Todes in der Muskulatur vorhandene Glykogenmenge bestimmt, wohingegen die Geschwindigkeit des pHAbfalls weitgehend von der Enzymaktivität im Zellstoffwechsel abhängt. Der Ablauf kann der nachstehenden Darstellung entnommen werden.    

Durchschnittliche pH-Werte im Muskel des Wildes Quelle: PAULSEN, 2012, S. 24

Durchschnittliche pH-Werte im Muskel des Wildes
Quelle: PAULSEN, 2012, S. 24

Die Wildbretstrucktur im oberen Bereich ist hell und glasig, Anzeichen von hohem Stress. Pathogene Keime haben das Wildbret im unteren Bereich schon angefangen zu zersetzen.

Zeitraum Erlegen bis Aufbrechen

Während der Jäger auf der Einzeljagd oft Zeit zum Ansprechen und Erlegen des Wildes hat, und es dann auch relativ schnell versorgen kann, haben Bewegungsjagden andere Voraussetzungen. Das Aufbrechen von auf Bewegungsjagden erlegten Stücken erfolgt deutlich später als bei Stücken, welche auf der Einzeljagd erlegt werden, da die Schützenstände bis zum Ende der Jagd nicht verlassen und die Stücke in dieser Zeit auch nicht aufgebrochen und versorgt werden dürfen. Insbesondere wenn Jäger in der ersten Stunde nach der Standeinnahme Wild erlegen, wird dieses bei einer Jagdlänge von über drei Stunden wildbrethygienische Konsequenzen haben.

Keimbelastung bei Rehwild (in Prozent) nach Verletzungen (bezogen auf jeweils 100<br /> Tiere)<br /> Quelle: verändert nach LENZE, 1977, S. 37-38.

Keimbelastung bei Rehwild (in Prozent) nach Verletzungen (bezogen auf jeweils 100
Tiere)
Quelle: verändert nach LENZE, 1977, S. 37-38.

Die Bedeutung des Faktors Zeit verdeutlichen die in der Abbildung dargestellten Befunde an erlegten Rehen, welche anhand von Muskelproben untersucht wurden. Bei Verletzungen der Bauchorgane, z.B. bei Weichwundschüssen, ist die Keimbelastung bereits bei einer Zeitdauer zwischen Erlegen und Aufbrechen von 30 Minuten sehr hoch und nimmt rasch zu. Aber auch bei reinen Kammerschüssen kommt es zur Ausbreitung von Bakterien im übrigen Wildkörper, da nach dem Tod des Wildes die so genannte Magen-Darm- Barriere zusammenbricht. Der Übergang von Mikroorganismen vom Darm in die Muskulatur erfolgt allerdings wesentlich langsamer als nach direkten Verletzungen des Magen-Darm-Bereiches. Bei einem Aufbrechen nach mehr als zwei Stunden waren keine keimfreien Muskelproben mehr im Untersuchungsmaterial vorhanden. Auch an kühlen Herbst- oder kalten Wintertagen, an denen vorzugsweise eine Bewegungsjagd angesetzt wird, besteht die Gefahr des Verhitzens.

Das liegt daran, dass das Winterhaar stärker isoliert als das Sommerhaar und der von innen nach außen verlaufende Temperaturaustausch deutlich langsamer ist als bei einem Stück im Sommerhaar mit geringerer Fettschicht. Wenn das Wild nach dem Verenden nicht länger als zwei Stunden gelegen hat, ist das Wildbret in der Regel noch nicht verhitzt, da die zur Fleischreifung und stickigen Reifung führenden biochemischen Prozesse erst kurzzeitig angelaufen sind. In ungünstigen Fällen (schweres Wild, durch Stress verursachte höhere Körpertemperatur, starke Sonneneinstrahlung) kann es bereits schon nach 90 Minuten zu einer Verhitzung kommen.

Je mehr Zeit nach dem Verenden verstreicht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Wildfleisch durch stickige Reifung nicht verzehrfähig ist. „Trotz seiner unterschiedlichen Gewinnung werden an Wildfleisch von den Wildhandelsbetrieben und von den Verbrauchern, aber auch vom Gesetzgeber zunehmend die gleichen Standards hinsichtlich der Sicherheit wie an konventionell gewonnene Lebensmittel angelegt“. Grundsätzlich muss Wildbret, genauso wie andere Lebensmittel auch, sicher sein. Wie aus den vorigen Kapiteln hervorgeht, können bei der Bewegungsjagd allerdings erhebliche Probleme mit der Wildbrethygiene auftreten, die zu Qualitätseinbußen des Wildfleisches führen können. Nachfolgend werden Hinweise gegeben, mit denen die Wildbrethygiene bei Bewegungsjagden verbessert werden kann.

Planung/Durchführung

Eine sorgfältige Planung ist der elementare Bestandteil einer guten Jagdvorbereitung und Grundvoraussetzung für einen reibungslosen Jagdablauf. Der zuständige Organisator („Jagdleiter“) muss sowohl die aktuelle Rechtslage als auch die Belange der Wildbrethygiene bei der Planung berücksichtigen. Von besonderer Bedeutung ist die Auswahl der Schützenstände. Jeder Standplatz muss so gewählt werden, dass vorbeiwechselndes Wild im Bereich eines vernünftigen Schussfeldes, in jedem Falle mit sicherem Kugelfang zu erlegen ist. Bei Bewegungsjagden sollten Stände je nach individueller Fähigkeit des Schützen zugeteilt werden. Es haben sich Jäger bewährt, die Wild schnell und vor allem sicher und korrekt ansprechen und es zu verstehen wissen, dieses dann auch sauber zu erlegen.

Bei der Planung einer Jagd ist das Anfertigen von Standkarten unerlässlich. Darauf können Schützen während der Jagd wichtige Wildbeobachtungen, abgegebene Schüsse oder sonstige Bemerkungen notieren. Die Standkarte nutzt zunächst den Ansteller und später der Jagdleitung zur Koordination und Einteilung der Nachsuchengespanne. Zudem sollten die wichtigsten Verhaltensregeln am Stand nochmals auf der Karte aufgeführt werden. So hat der Jäger die Möglichkeit diese vor Beginn des Treibens nochmals zu verinnerlichen. Weiterhin müssen alle Voraussetzungen getroffen werden, um das erlegte Wild hygienisch einwandfrei versorgen zu können. Es sollten ortsangepasste Lösungen getroffen werden, um die Zeit zwischen Erlegen und Aufbrechen des Wildes möglichst kurz zu halten, z.B. durch kurze, evtl. zeitlich versetzte Treiben oder Aufbrechpausen. Erfahrene Nachsuchengespanne müssen rechtzeitig eingeplant und für den betreffenden Jagdtag zur Verfügung stehen.

Quelle: Eigene Aufnahme beim zerwirken eines Stück Schwarzwild 2017

Quelle: Eigene Aufnahme beim zerwirken eines Stück Schwarzwild 2017

Der Transport zum Aufbrechplatz oder zur Wildkammer sollte so organisiert werden, dass genügend Transportkapazität für das erlegte Schalenwild zur Verfügung steht. Wird das Wild vor Ort aufgebrochen, kann dieses bereits im Vorfeld mit einer entsprechenden Logistik vorbereitet werden. Insbesondere sollten geeignete Vorrichtungen zum Aufbrechen aufgebaut werden, ausreichend Wasser in Trinkqualität beschafft sowie geeignete Arbeitsmittel und Konfiskatbehälter bereitgestellt werden. Wenn kurze Transportwege das Aufbrechen in der Wildkammer erlauben, müssen auch hier die genannten Vorkehrungen getroffen werden. Ob das Wild vom Erleger oder einem Spezialisten (z.B. Metzger) aufgebrochen werden soll, erfordert eine frühzeitige Planung und Organisation. Für die Lagerung und Kühlung der erlegten Stücke müssen geeignete Räumlichkeiten vorhanden sein, die den rechtlichen Anforderungen entsprechen. Wird für den entsprechenden Jagdtag eine größere Menge an Wild erwartet, empfiehlt es sich, rechtzeitig einen Wildbrethändler zu kontaktieren und über den Jagdtermin zu informieren, damit er entsprechend planen kann.

Die Vermarktung über einen gewerblichen Wildbrethändler entbindet den Organisator von den Verpflichtungen zur Trichinenuntersuchung. Sind die Vorbereitungen der Jagd erledigt, ist eine abschließende Besprechung mit allen Beteiligten zwingend erforderlich. Die Jagdleitung kann sich dadurch einen zuverlässigen Überblick darüber verschaffen, ob alle bis dahin notwendigen Aufgaben erbracht sind. Zudem müssen der Jagdablauf detailliert festgelegt und noch ausstehende Aufgaben erledigt werden. Ergibt sich bei der Kontrolle ein außerplanmäßiger Hergang, dann können jetzt noch Nachbesserungen vorgenommen werden. Insbesondere im Bereich der Durchführung von Bewegungsjagden liegt hier eine große Verantwortung vor, um im Sinne einer guten Hygienepraxis zu agieren. Grundsätzlich sollte der Jagdleiter seine Gäste vor dem Beginn der Jagd an die Gebote der Waidgerechtigkeit erinnern und eindringlich zu diszipliniertem Verhalten aufrufen. Hinsichtlich der Wildbretversorgung muss der Jagdleiter den Gästen die notwendigen Vorhaben mitteilen, die im Zuge der Planung getroffen worden sind.

Ansprechen und Erlegen

Die Verantwortung des Jägers als „Lebensmittelunternehmer“ beginnt bereits beim Ansprechen des Wildes vor dem Erlegen. Wildbret gilt nur dann als genusstauglich, wenn es von einem gesunden Stück stammt. Die gesetzliche Vorgabe der Lebenduntersuchung des Wildes ist mit der Schlachttier-untersuchung landwirtschaftlicher Nutztiere vergleichbar. Tierkörper und Organe dürfen ohne Lebenduntersuchung nicht in den Verkehr gebracht werden. Einige krankhafte Veränderungen, die auf Gesundheitsstörungen schließen lassen, können nur am lebenden Stück beobachtet werden.

Auf freigegebenes Schalenwild darf nur geschossen werden, wenn es sicher angesprochen wurde. Die Schussabgabe durch den Jäger hat stets unter den Aspekten der Weidgerechtigkeit und der Wildbrethygiene zu erfolgen. Die hygienische Wildbretgewinnung wird durch einen sauber angetragenen und schnell tödlich wirkenden Schuss gewährleistet. Wichtig ist hierbei, dass der Jäger mit seiner Waffe vertraut ist, über nötige Schießfertigkeiten verfügt und für das betreffende Wild geeignete Munition mit entsprechender Schusswirkung verwendet.

Schlussbetrachtung

Aus der vorliegenden Arbeit geht hervor, dass die Jagdmethode einen deutlichen Einfluss auf die Wildbrethygiene, die Fleischreifung und dementsprechend auf die Qualität des Wildbrets hat. Bewegungsjagden sind effiziente Jagdmethoden, die geeignet sind, um deckungsreiche Reviere zu bewirtschaften oder den durch Einzelabschüsse entstehenden langzeitigen Jagddruck zu senken. Aus fleischhygienischer Sicht weisen sie jedoch gegenüber der Einzeljagd ein erhöhtes Risiko auf. Untersuchungen von DEUTZ und PLESS ergaben, dass bei der Einzeljagd 9 % der Stücke durch Weichwundschüsse erlegt wurden, der Prozentsatz bei auf Bewegungsjagden erlegten Stücken lag bei 30 %. Zudem erfolgt das Aufbrechen bei Einzeljagden vorrangig innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Erlegen, bei Bewegungsjagden hingegen in der Zeit zwischen 120 und 180 Minuten.

Nach Untersuchung von Wildbret aus einer Treibjagd sind bei einem Aufbrechen nach über zwei Stunden keine keimfreien Muskelproben mehr im Untersuchungsmaterial vorhanden. Insbesondere bei Weichwundschüssen ist die Keimbelastung bereits bei einer Zeitdauer zwischen Erlegen und Aufbrechen von 30 Minuten sehr hoch und nimmt rasch zu. Bei Einzeljagden können solche Stücke zeitnah aufgebrochen und versorgt werden. Diese Möglichkeit besteht bei Bewegungsjagden nicht, da die Schützenstände bis zum Ende der Jagd nicht verlassen werden dürfen. Zur Aufrechterhaltung einer hochwertigen Qualität des Wildbrets ist nach 1,5 Stunden eine Aufbrechpause und rasche Versorgung des Wildes notwendig.

Des Weiteren können die Jäger durch ihre Kenntnisse und Handlungen die gesundheitlichen Risiken beim Verzehr von Wildfleisch wesentlich beeinflussen. Aus diesem Grund sollte es zur Pflicht werden, regelmäßige Nachweise über Schussleistungen zu erbringen sowie Aus- und Weiterbildungen zum Thema Wildbrethygiene zu besuchen. Generell ist es den Jagdausübenden möglich, unter Beachtung hygienischer Aspekte, ein qualitativ hochwertiges Lebensmittel zu gewinnen und an den Verbraucher abzugeben. Für die Bewegungsjagd ist es daher von großer Bedeutung, dass die Stücke sicher angesprochen und erlegt sowie hygienisch einwandfrei aufgebrochen, sorgsam transportiert und rasch der Kühlkette zugeführt werden. Abschließend ist zu sagen, dass durch eine detaillierte Planung der Jagd bereits Risiken vermieden bzw. auf ein akzeptables Maß reduziert werden können. Vorrangig sollten weitere Standards entwickelt werden, die ein sorgfältiges und hygienisches Gewinnen und Behandeln des Wildbrets gewährleisten. 

Bernhard Züwerink

Literaturverzeichnis:

DEUTZ, A. (2012):
Wildbrethygiene heute – Beurteilung, Versorgung, Rechtslage. BLV Buchverlag
GmbH & Co. KG, München.

LENZE, W. (1977):
Fleischhygienische Untersuchungen an Rehwild (Einfluss von Gesundheitszustand,
Herkunft, Erlegungs-und Versorgungsmodalitäten auf Keimgehalt und pH-Wert). Diss., Ludwig-Maximilian-Universität, München.

PAULSEN, P. (2012):
Schnelles Wild, schlechtes Wildbret ?, in: Wild und Hund. Heft Nr.
23/2012, S. 28-33.

PEGEL, M., SCHREIBER, W. (2008):
Leitfaden zur hygienischen Gewinnung von Wildbret im Rahmen der
Primärproduktion. Leiter der Wildforschungsstelle und des Amtes für
Veterinärwesen und Verbraucherschutz (Lkr. Schwäbisch Hall), Baden
Württemberg.

SINELL, H.-J. (2004):
Einführung in die Lebensmittelhygiene. 4. Aufl. Parey Verlag, Stuttgart.

Gesetze und Verordnungen:

Tierschutzgesetz (TierSchG), in der Fassung der Bekanntmachung vom 18.05.2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das durch Artikel 1 des Gesetzes vom 04.07.2013 (BGBl. I S. 2182) geändert worden ist.
Verordnung (EG) Nr. 852/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29.04.2004 über Lebensmittelhygiene.
Verordnung (EG) Nr. 853/2004 des Europäischen Parlaments und des
Rates vom 29. April 2004 mit spezifischen Hygienevorschriften für Lebensmittel tierischen Ursprungs.
Verordnung (EG) Nr. 854/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29.04.2004 mit besonderen Verfahrensvorschriften für die amtliche Überwachung von zum menschlichen Verzehr bestimmten Erzeugnissen tierischen Ursprungs.                                

Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

Des Jägers Stiefkind?

Revierhegemeister-Abschlussarbeit, von Liane Baumann, VJN

Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

„Es ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild“ – dieser alte Jägerspruch hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Die Befugnis wildlebende Tiere zu töten und sich anzueignen, die dem Jagdrecht unterliegen, ist ein Privileg, das ein Jäger mit dem erfolgreichen Abschluss seiner Jägerprüfung erwirbt. Waidgerecht ist das Erlegen von Wild in dem man ihm Qualen erspart und das erlegte Wild ordentlich behandelt.

Dazu ist es nicht nur notwendig das Jagdhandwerk entsprechend verantwortungsvoll auszuüben, sondern es ist unabdingbar, dass der Jäger die von ihm eingesetzten Mittel – insbesondere seine Waffen – einwandfrei beherrscht. Zur Ausübung der Jagd stehen dem Jäger verschiedene Arten von Waffen zur Verfügung. Aus der Historie der Jagd sind es der Speer, die Lanze, der Bogen, das Blasrohr, die Armbrust etc. In Deutschland sind diese Waffe aber nicht zur Jagd auf Schalenwild zugelassen. An blanken Waffen stehen dem Jäger das Jagdtaschenmesser, das Waidmesser, das Waidblatt, der Hirschfänger und die Saufeder zur Verfügung. Der Hauptbegleiter des Jägers ist aber sein Gewehr.

Je nach Erfordernis oder Art der Jagd führt der Jäger seine Schrotflinte – ob Einlauf oder Doppelflinte, seine Büchse für Kugelpatronen oder kombinierte Waffen. Bei all diesen Waffen handelt es sich dem Gesetz nach um Langwaffen (Länge über 60 cm). Ob die Jagd nun aus beruflichen Gründen, als geprüfter Jagdaufseher oder aus Passion als ausgebildeter Jäger ausgeübt wird: in den vorgeschriebenen Behältnissen zur Unterbringung finden sich bei fast jedem, der Vorgenannten, eine größere Anzahl dieser Waffen. Anders sieht es aus bei den sogenannten Kurzwaffen. Diese Kurzwaffen sind Waffen bis einschließlich 60 Zentimetern Länge – insbesondere Pistolen und Revolver. Die Treffsicherheit und Schusswirkung der verhältnismäßig schwachen, aus kurzen Läufen verfeuerten Patronen, ermöglichen lediglich einen Einsatz auf kurze Entfernung.

Jagdlich lassen Sie sich nur für spezielle Zwecke sinnvoll einsetzten

1. Zum Erlegen, mit einem gezielten Schuss auf kurze Entfernung, von lebend, in Fallen gefangenem Raubwild und Raubzeug.

2. Weiterhin werden Kurzwaffen für den Fangschuss auf Schalenwild eingesetzt, denn der Schuss auf kurze Distanz aus einer genügend wirksamen Faustfeuerwaffe erlöst das kranke Wild oft schneller von seinen Leiden als das ggf. mit einer blanken Waffe oder der Langwaffe mit Zieloptik möglich wäre. Genügend wirksam bedeutet, dass die verwendete Patrone eine Mündungsenergie von mindestens 200 Joule entwickelt.

3. Eine weitere Verwendungsmöglichkeit der Faustfeuerwaffen, für den Jäger, ist ihr Einsatz für den Selbstschutz. Diesen Aspekt greife ich später an anderer Stelle detaillierter auf. Aufgrund der kleinen Bauart von Kurzwaffen ist eine körpernahe und auch verdeckte Tragweise dieser möglich. Diese Tatsache bringt einige Risiken mit sich, wenn man zur Jagdausübung eine geladene, gesicherte Waffe bei sich trägt. Hier ist eine absolut sichere Beherrschung der jeweiligen Kurzwaffe unerlässlich, weil sich durch den unsicheren Gebrauch und dem fast unbeschränkten Bewegungsradius von Kurzwaffen erhebliche Risiken für den Jäger selbst und andere Menschen ergeben könnten.

In der gängigen Literatur zur Jagdausbildung finden sich immer wieder Hinweise darauf, sich bei dem Erwerb einer Kurzwaffe durch einen Büchsenmacher genau in die Handhabung der Ausgewählten unterweisen zu lassen und auf dem Schießstand zu üben, damit dem Besitzer die Bedienungshandgriffe geläufig werden. Dabei bleibt es aber oftmals. Im Fachbuch von Fritz Nüßlein – „Das praktische Handbuch der Jagdkunde“ widmet sich der Autor, auf insgesamt 47 Seiten der Bewaffnung des Jägers auf gerade einmal 4 Seiten dem Thema Kurzwaffe und der dazu gehörenden Munition. Bei meiner Recherche in der Literatur zur Jagdausbildung – Dietzels Niederwildjagd 1910-1930, ist mir aufgefallen, dass der jagdliche Einsatz von Kurzwaffen, obwohl es durchaus schon genügend Modelle von Militärwaffen gab, überhaupt nicht erwähnt worden ist. Ähnlich knapp wird das Thema Kurzwaffe auch in den Werken von Richard Blase und Fritz von Oehsen behandelt. Entsprechend zu kurz kommt das Thema bei vielen Jagdausübenden auch in der jagdlichen Praxis.

Häufig verbleiben die Kurzwaffen – sofern überhaupt vorhanden – daheim „im Schrank“. Vor der Änderung des Erbenprivilegs wurden die Pistolen und Revolver aus den Nachlässen von Jägern früher gerne übernommen. Fernglas und Kurzwaffen wurden von den Erben gerne behalten, auch ohne entsprechende Sachkunde und Schießpraxis (für alle Fälle!). Das Privileg des Jägers 2 Kurzwaffen besitzen und bei der Jagdausübung auch führen zu dürfen, sollte man durch eine unzureichende praktische Ausbildung nicht gefährden, auch wenn diese während der Jagdausübung nur selten zum Einsatz kommen. Die Jagd mit Kurzwaffen auf Schalenwild ist ausdrücklich untersagt. Der sichere Umgang mit Kurzwaffen ist mir als Sportschützin geläufig, jedoch handelt es sich dabei in der Regel um ein präzises Schießen auf eine Distanz von 25 Metern, in absoluter Ruhe, mit verhältnismäßig langsamen Bewegungen und entsprechenden Atemtechniken.

Die Waffen werden dazu nur mit der notwendigen Munition für die jeweilige Disziplin geladen und später, bei der Trefferaufnahme, entleert und geöffnet abgelegt. Ähnlich verhält es sich beim offiziellen jagdlichen Kurzwaffenschießen gemäß der Schießordnung des Deutschen Jagdverbandes.

Nachfolgend erläutere ich die 3 Disziplinen des jagdlichen Kurzwaffenschießen auf die DJV Pistolenscheibe:

1. Das Zeitschießen: hier erscheint die Scheibe 5 mal für 3 Sekunden (Zwischenzeit 7 Sekunden) und wird mit jeweils einem Schuss beschossen. Der Schütze wartet in zur Scheibe gewandter Haltung mit geladener Waffe, wahlweise in gespanntem oder ungespanntem Zustand. Der Haltungswinkel der Waffe sollte bei ausgestrecktem Schießarm im Winkel von 45 Grad zur Erde gerichtet sein.

2. Das Fertigkeitsschießen besteht 2 Serien mit jeweils 5 Schüssen. Die Scheibe erscheint 10 mal für 4 Sekunden und wird mit jeweils einem Schuss beschossen. Die Waffe befindet sich dabei in einem untergeschnallten, geschlossenen Futteral oder in einem, völlig durch die Kleidung bedecktem Futteral, in der Tasche einer Jacke oder eines Mantels, das Schloss muss dabei entspannt sein. Diese Übung erwartet der Schütze mit hängenden Armen.

3. Das Schnellfeuerschießen besteht aus 1 Serie mit 5 Schüssen. Die Scheibe erscheint für 8 Sekunden und ist mit 5 Schüssen zu beschießen. Die eingenommene Haltung ist hier wie beim Zeitschießen. Diese Disziplinen werden allerdings wie beim sportlichen Kurzwaffenschießen auf eine Distanz von 25 Metern absolviert. Nach einer festgelegten zu erreichenden Punktzahl kann eine DJV Schießleistungsnadel für Kurzwaffen erworben werden. Schießleistungsnadeln dieser Art sind mir in meinem jagdlichen Alltag äußerst selten begegnet. Für mich hat diese Art von Schießsport hat eher wenig mit dem Einsatz einer Kurzwaffe im jagdlichen Gebrauch zu tun.

Zu diesem Schluss bin ich gelangt als ich zu ersten Mal Berührung mit dem Ausbildungsmodul des Verband der Jagdaufseher Niedersachsen: „Kundiger Schwarzwildjäger“ bekommen habe. Ohne zu wissen, dass ich diese Ausbildung zum Jagdaufseher wirklich einmal absolvieren würde, habe ich den o. g. Lehrgang aus Interesse und zur Weiterbildung der praktischen Jagdausübung auf Schwarzwild absolviert. Der Lehrgang besteht u. a. aus praxisorientierten Schießübungen für Jäger z. B.: Praxis Fangschuss, Schießen mit der Kurzwaffe unter Stress. Wie wichtig es ist, in absolut jagdpraxisnahen Übungen den disziplinierten, sicheren Umgang und das trotzdem präzise Schießen mit Kurzwaffen nach schneller Bewegung und unter Stress zu trainieren, wurde mir bei diesem Lehrgang mehr als deutlich. Durch dieses Erlebnis überzeugt habe ich mich zum Jagdaufseher- Lehrgang des VJN angemeldet und diesen auch erfolgreich absolviert. Wie wichtig es ist sein Wissen als Jäger in den verschiedensten Bereichen wie: Hege, Waffen und Optik, Jagdarten, Jagdliche Einrichtungen, Wildbewirtschaftung, Land- und Waldbau, Naturund Umweltschutz, Jagdhilfstiere, Jagdrecht, Öffentlichkeitsarbeit / Kommunikation, Jagdliches Brauchtum und auch durch praktische Schießseminare zu aktualisieren und zu erweitern, habe ich durch diese Ausbildung erkannt. Nach dieser Ausbildung, des zum Jagdschutz berechtigten Personenkreises ist das Verständnis für die vorgenannten Themen extrem geschärft worden. In logischer Konsequenz habe ich mein jagdliches Wissen durch die geforderten Ausbildungsmodule zum verbandsinternen „Revierhegemeister“ (BDJV) ständig erweitert. Zugegeben habe ich auch einen besonderen Focus auf die Seminare der Schießausbildung gelegt. Ein gewisses Defizit kann ich bei der aktuellen und meiner traditionellen Jägerausbildung, in Bezug auf die Kurzwaffen-Ausbildung, erkennen.

In diesem Bereich hat der „Verband der Jagdaufseher Niedersachsen“ eine Reihe von sehr praxisnahen, aufeinander aufbauenden Seminaren entwickelt. Grundlagen sind hier:

• die persönlich richtige Wahl der zur Jagd eingesetzten Kurzwaffe (Revolver vs. Pistole)

• das sichere Tragen der Waffen im geeigneten Holster, in der richtigen Position

• der absolut sichere Umgang mit der geladenen Waffe für den jagdlichen Einsatz

• das Schießen aus der Bewegung und auf kurze Distanz

• das Schießen in einer Stresssituation und nach körperlicher Anstrengung

• Die Koordination und Abstimmung mehrerer Schützen untereinander, wie beim Einsatz auf z. B. Gesellschaftsjagden

• Rechtliche Grundlagen für den Kurzwaffeneinsatz im Bereich der Notwehr und zum Selbstschutz

• das schnelle Erfassen einer Jagd-Situation und der angemessene Einsatz der geführten Waffe

In der jagdlichen Praxis erlebt man keine „Schießstand“- Situation! Darauf wurden wir in den Kurzwaffen Seminaren des VJN geschult. Diese finden in kleinen Gruppen, in enger Zusammenarbeit mit dem Trainer und nach einem durchdachten Konzept, eng angelehnt an die alltäglichen, rein jagdlichen Herausforderungen, statt. Die Grundlage für die Durchführung des Trainings ist das Vertrauen in die sichere und disziplinierte Handhabung, der eigenen Kurzwaffe, aller Teilnehmer während des gesamten Lehrgangs. In Situationen wie z. B.: die kriechende Bewegung mit einer geladenen Kurzwaffe durch simuliertes Unterholz, der schnelle, gezielte Schuss auf plötzlich herannahendes Schwarzwild in einer für den Jäger bedrohlich wirkenden Situation, das Schießen aus einer natürlichen Deckung und aus der eigenen Bewegung heraus sind Situationen, die uns auf der Jagd ständig begegnen können.

Die Sensibilisierung auf die Herausforderungen des Jagdalltags, in Zusammenhang mit dem Einsatz der Faustfeuerwaffe, ist durch diese Schulungen eine sowohl jagdlich-praktische als auch psychologische Weiterentwicklung des Jagdaufsehers. Im jagdlichen Alltag kann es auch durchaus einmal zu schwierigen Situationen mit Jagdgegnern oder zu persönlichen Angriffen kommen, dann ist es umso wichtiger, dass die Reaktion darauf gefestigt, sicher und angemessen erfolgt. Mein Fazit zu dem von mir gewählten Thema lautet: Es liegt im Ermessen eines jeden Jägers ob er sich im Rahmen seiner Jagdausübung auch einer Kurzwaffe bedient. Wenn er dies tut, sollte die Handhabung und der Gebrauch der Kurzwaffen ausreichend geübt sein. Wie bei allem in der Jagd gilt „Übung macht den Meister“.

Die umfangreichen und vielschichtigen Schulungen des Jagdaufseher Verband Niedersachsen und des BDJV, vermittelt den Teilnehmern seiner Seminare ein jagdliches Wissen und praktische Fertigkeiten die deutlich über die Ausbildung zum Jäger hinausgeht. Auch passionierte, langjährige und äußerst erfahrene Jäger nehmen diesen breiten und aktuellen Wissensschatz aus dieser Fortbildung mit in ihren Jagdalltag.

Hygiene und Gesellschaftsjagden in Zeiten von Covid 19 und ASP

Von Michael Ohlhoff,
gepr. und amtl. best. Jagdaufseher, Revierhegemeister, Falkner

Wildversorgung

Hygiene und Gesellschaftsjagden in Zeiten von Covid 19 und ASP

Hygiene und Gesellschaftsjagden in
Zeiten von Covid 19 und ASP

Als Jagdleitung von Gesellschaftsjagden unterliegen wir in der aktuellen Situation ständig wechselnden Anforderungen, Anweisungen und Verordnungen. Beleuchten möchte ich mit dem aktuellen Artikel den kritischen Bereich der Wildversorgung. Wobei ich davon ausgehe, dass nicht jeder Schütze an seinem Stand aufbricht, sondern es bei Gesellschaftsjagden unverzichtbar ist, einen zentralen Aufbruchplatz zu errichten, der nach Nutzung desinfiziert wird. Dabei setzte ich als selbstverständlich voraus, das nur mit Handschuhen aufgebrochen wird, keine Messer mit Holzgriff benutzt werden, hängend aufgebrochen wird, geringelt wird, frisches kaltes Wasser zur Verfügung steht, usw. usw.

Aber zurück zur Gesellschaftsjagd.

Ist es beim Anstellen der Schützen und Führen der Treiberwehren noch meist problemlos möglich, die Abstände einzuhalten, ist dies in dem Bereich der Wildversorgung schwer möglich, da vor allen Dingen schweres Wild von mehreren Personen bewegt werden muss. Da sich am „Streckenplatz“ nur noch Jäger aufhalten, die Hunde abgeben, erlegtes Wild anliefern und oder Nachsuchen anmelden, haben wir es mit einem recht überschaubaren Geschehen zu tun. Die restlichen Teilnehmer der Jagd begeben sich nach ‚Hahn in Ruh‘ direkt nach Hause.

Somit steht einer geordneten Anlieferung und Versorgung bei entsprechender Organisation nichts im Wege, bzw. muss durch die Jagdleitung gewährleistest werden. Um noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, siehe Schreiben des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz vom 26.10.20. Der/die Jagdleiter*in trägt die Verantwortung und hat entsprechend der Entwicklung der Corona-Pandemie mit angepassten hygienetechnischen Maßnahmen zu reagieren. Gem. § 4 Nds. Corona-VO ist ein Hygienekonzept zu erstellen, umzusetzen und auf Verlangen der zuständigen Behörde vorzulegen. Somit haben wir in unserem Hygienekonzept die Wildversorgung als eigenständigen Bereich, mit einer klaren Personenzuordnung, eigenem Hygienekonzept und besonders abgetrenntem Bereich.

Hygiene und Gesellschaftsjagden in Zeiten von Covid 19 und ASP

Hygiene und Gesellschaftsjagden in
Zeiten von Covid 19 und ASP

Hygienemaßnahmen Aufbruchplatz:

1. Der Bereich der Wildversorgung ist abgetrennt (Trassierband)

2. Es gibt nur einen Zugang, versorgtes Wild wird durch einen eigenen Ausgang abtransportiert.

3. Der Bereich der Wildversorgung ist nur den zugeteilten Personen zugänglich.

4. Im gesamten Bereich der Wildversorgung herrscht Maskenpflicht.

5. Innerhalb und außerhalb des Aufbruchplatzes stehen Hygienestationen zum Händewaschen, abtrocknen und desinfizieren zur Verfügung.

6. Bewegen des Wildes zwischen Anlieferung und Aufhängen nur durch zugeteilte Personen.

7. Bewegen des Wildes nach der Versorgung nur durch zugeteilte Personen.

8. An den verschiedenen Aufbrechstationen wird jeweils nur eine Wildart versorgt.

9. Vor Öffnen des Wildkörpers wird eine Wanne zum Auffangen von Schweiß und Innereien unter das Stück gestellt.

10. Die Entsorgung von Aufbruch in hierfür bestellten Containern über die Tierkörperbeseitigung.

Besondere Hygienemaßnahmen zur Schwarzwildversorgung:

11. Schwarzwild wird ausschließlich in dem dafür vorgesehenen Bereich versorgt.

12. Schwarzwild wird ASP beprobt und sorgfältigst nach bedenklichen Merkmalen untersucht.

13. Um eine Kontamination der Kleidung beim Aufbrechen oder Zerwirken zu vermeiden, sollte hierzu geeignete Schutzkleidung getragen werden.

14. Sorgfältige Reinigung und Desinfektion der zum Aufbrechen verwendete Gerätschaften, Wildwannen sowie Stiefel und Schutzkleidung.

All diese wichtigen und verpflichtenden Maßnahmen, machen unsere Arbeit als Jagdleiter nicht einfacher. Jedoch ist eine Bejagung des Schwarzwildes gerade in der aktuellen Situation elementar wichtig. Wir können mit der Ansitzjagd nur bedingt zu einer Reduzierung der Bestände beitragen, somit müssen wir Jagdaufseher uns dieser neuen Herausforderung stellen. Wer jetzt der Meinung ist, die Einhaltung der aufgezählten Punkte wäre nicht möglich, wird auf den folgenden Bildern eines Besseren belehrt werden.

 

Zum original Artikel – Der Hegemeister 03/2020 – mehr Infos

 

Hygiene und Gesellschaftsjagden in Zeiten von Covid 19 und ASP

Hygiene und Gesellschaftsjagden in
Zeiten von Covid 19 und ASP

 

Wenn Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen, kommt Simon Schwenk zum Einsatz

Landesregierung hat Stadtjäger ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen

Text: Daniela Haußmann

Mit der Änderung des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes am 30. Juni sind in Baden-Württemberg Stadtjäger etabliert worden. Sie sollen laut dem Ministerium für ländlichen Raum das Wildtiermanagement im Siedlungsraum stärker professionalisieren und zukunftsorientiert weiterentwickeln. Aktuell arbeitet das Ministerium an einer Durchführungsverordnung, die Aufgaben und Ausbildung der Stadtjäger regelt, wie ein Sprecher mitteilt. Sie werde voraussichtlich noch im Herbst vorliegen, sagt der Ministeriumssprecher weiter. OSTFILDERN. Plötzlich war er da. Gleich neben dem Haus kletterte er den Baum hinauf, balancierte über Äste und dünne Zweige ganz nah an den Giebel heran. Mit einem beherzten Satz sprang er herüber, wuselte über die Regenrinne flink aufs Dach und verschwand unter einer der roten Hohlpfannen. Die Rede ist von einem Marder, der sich bei Sandra Kaiser in Ostfildern (Landkreis Esslingen) einquartiert hat.

Als die alleinstehende Frau vor rund zwei Jahren nachts aus dem Schlaf gerissen wurde, beschlich sie mehr als nur ein mulmiges Gefühl. Es krachte und schepperte, Schritte hallten durchs Haus. „Einbrecher“, dachte sie sofort. Aber von Fremden fehlte jede Spur. Da war Kaiser klar, dass sie einen tierischen Mitbewohner hat. Nächtelang machte der ordentlich Radau. Ihr Vermieter griff zum Telefon. Anrufe bei Behörden brachten nichts, der Kammerjäger war nicht zuständig, Tipps aus dem Internet waren nutzlos. Hilfe bekamen Kaiser und ihr Vermieter nicht. Wo sich der Mensch niederlässt, lebt sich es als Wildtier mitunter gut In ihrer Not stieg Kaiser nachts sogar auf den Dachboden, hoffte, den Störenfried zu vertreiben. „Aber als im Lichtschein zwei Augen aufblitzten, hab ich die Bühnentür gleich wieder zugemacht“, gesteht sie. „Ein wildes Tier kann Krankheiten übertragen, aber vor allen Dingen kann es mich, meine Tochter oder unsere Schildkröte beißen.“ Löcher im Dach, durchgebissene Isolierungen, angeknabberte Kabel, zerfetzte Kleider und übelriechende Ausscheidungen – der pelzige Störenfried hat wenig ausgelassen. „Als Stadtmensch ist man da ziemlich ratlos“, sagt Kaiser. Deswegen ist sie froh, dass die Landesregierung kürzlich die Institution des Stadtjägers ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen hat.

Einer, der die Ausbildung beim Jagd – Natur – Wildtierschützerverband durchlaufen hat, ist Christian Schwenk. „Er ist der Erste“, laut Kaiser, „der die Lage vor Ort bewertet hat, der mir aktuell Verhaltens- und Handlungstipps gibt.“ Dank ihm weiß sie auch, was sie präventiv tun kann, um Probleme mit Wildtieren zu vermeiden. Die zieht es laut dem Wildtierbericht 2018 mehr und mehr in Siedlungsgebiete. Schwenk wundert das nicht. Denn wo sich der Mensch niederlässt, finden viele von ihnen ein gutes Leben. Gleichzeitig wachsen viele Kommunen im Zuge der Baupolitik auch am Siedlungsrand. „Während ein Teil der Tiere auf der Suche nach neuen Lebensräumen abwandert, drängt der andere in die Kommunen“, erklärt Schwenk. Wenn Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen, kommt Simon Schwenk zum Einsatz Landesregierung hat Stadtjäger ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen Text: Daniela Haußmann „Und dort kommen sie auf Komposthaufen, in Mülltonnen, Gärten, Parks, durch direkte oder indirekte Fütterung ganzjährig leicht an Nahrung.“ Außerdem bieten menschliche Siedlungen ein milderes Klima als natürliche Lebensräume und sie sind reich an Strukturen, die vielen Habitaten in freier Wildbahn ähneln, wie im Handbuch „Wildtiermanagement im Siedlungsraum “ der Universität Freiburg zu lesen ist. Hinzu kommt, dass die Jagd in befriedeten Bezirken, also innerhalb kommunaler Grenzen, ruht. „Wildtiere merken hier schnell, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht“, so Schwenk.

All das führt letztlich dazu, dass einige Arten zunehmend Dörfer und Städte für sich entdecken, womit die Wahrscheinlichkeit von Konflikten zwischen Mensch und Tier steigt. Von einer Kommune eingesetzt, hat ein Stadtjäger viele Befugnisse „Konventionelle Strategien und Methoden des Wildtiermanagements in ländlichen Gebieten und freier Landschaft lassen sich nicht einfach auf Bereiche übertragen, in denen Menschen auf engem Raum leben“, sagt Schwenk. Das Know-how bringen speziell qualifizierte Stadtjäger mit, genauso wie Kompetenzen bei der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen und in puncto Beratung, zum Beispiel für Verwaltungen bei der Bauplanung und Siedlungsentwicklung, um Konflikte präventiv zu vermeiden. Außerdem besitzen Stadtjäger ihm zufolge weitgehende rechtliche Befugnisse, wenn Kommunen sie einsetzen. In Fragen des Wildtiermanagements könnten sie damit schneller und unbürokratischer weiterhelfen als „normale“ Jäger. Als Stadtjäger darf Schwenk, nach Genehmigung der örtlichen Polizeibehörde, auch Waffen einsetzen, um etwa in Stadtparks Überpopulationen abzubauen.

Die Schussdistanzen sind hier kürzer als in Wald und Flur. Dementsprechend nutzen Stadtjäger teilweise andere Waffen und Schießstrategien als Jäger in Feld und Flur, wie Schwenk bemerkt. Kaiser jedenfalls hat seinen Rat befolgt und hat den Baum hinterm Haus gestutzt. Das faustgroße Loch im Dach wird demnächst geschlossen. So lässt sich das Tier problemlos vergrämen. Aktuell brauchen Stadtjäger, die von Grundbesitzern beauftragt werden, noch eine Einzelfallgenehmigung von der Unteren Jagdbehörde, wenn sie bei Problemen mit Wildtieren tätig werden, wie Hans-Ulrich Endreß vom Jagd – Natur – Wildtierschützerverband berichtet.

Er hofft, dass mit der Durchführungsverordnung, die das Ministerium für ländlichen Raum aktuell ausarbeitet, ein unbürokratischeres und schnelleres Vorgehen möglich wird. Bis dahin geht Schwenk die Arbeit nicht aus. Immer öfter klingelt sein Telefon, weil zum Beispiel ein Dachs die Garage untergräbt, ein Fuchs durch den Garten streift oder Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen.

STAATSANZEIGER – Wochenzeitung für Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Baden-Württemberg 18. September 2020 l 170. Jahrgang 1 Nr. 37