Tag Archive

Tag Archives for " befriedeten Bezirken "

Die Jagd in befriedeten Bezirken

Die Jagd in befriedeten Bezirken
Ist die Institution der Stadtjäger*innen in Baden-Württemberg eine Option für andere Bundesländer?
Autor: Hans-Ulrich Endreß, Landesausbildungsleiter JNWV-BW

2014 wurde in Baden-Württemberg das Landes- und das Bundesjagdgesetz durch das Jagd und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) abgelöst und mit Wirkung ab 01.04.2015 als Vollgesetz veröffentlicht [1]. Ein Ziel des JWMG ist, ein besonderes Gewicht auf das Wildtiermanagement zu legen wobei ein Schwerpunkt des Wildtiermanagements das Wildtiermonitoring ist, dessen Ergebnisse im Wildtierbericht (JWMG §44), der alle 3 Jahre erscheint, veröffentlicht werden [2]. Zur Erfassung der Daten wurden unter anderem auch die Funktionen der anerkannten Wildtierschützer*innen (JWMG §48 – Wildtierschutz) und der Wildtierbeauftragten (JWMG §61) eingeführt und mit speziellen Aufgaben betreut.

Eine der Aufgaben der anerkannten Wildtierschützer*innen ist, den öffentlichen Stellen und privaten Personen insbesondere … bei Fragen des Wildtiermonitoring, … des Umgangs mit Wildtieren im Siedlungsraum und bei Unfällen mit Wildtieren als Ansprechpartner [zu] dienen. Mit diesen Regelungen ist das Wildtiermanagement und -monitoring in den bejagbaren Flächen geregelt; offen blieb aber das Wildtiermanagement und -monitoring in den Gebieten, in denen die Jagd ruht (befriedete Bezirke – §13 JWMG)).

Somit war ein flächendeckendes Wildtiermanagement und -monitoring nicht möglich. Im Wildtierbericht 2018 [Anmerkung: es war der erste Wildtierbericht] kam zum Ausdruck, dass Wildtiere zunehmend in städtischen Bereichen vorkommen: „Suburbane und urbane Lebensräume sind für einige Wildtierarten wichtige Lebensräume geworden.“ – „Städte weisen teilweise hohe Biodiversitätslevels auf.“ Der Wildtierbericht [2] verweist dabei auf Forschungsergebnisse der Universität Freiburg, die dieses Thema in drei im Zeitraum 2010 bis 2019 vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR – Oberste Jagdbehörde) in Auftrag gegebenen und durch die Jagdabgabe geförderten Projekten bearbeitet hat [3, 4] ..

„Zudem bilden Städte einen Ort mit einem hohen Maß an biologischer Vielfalt, welche meist zur Freude, aber manchmal auch zum Leid der Bevölkerung führen können. Im Rahmen des Forschungsprojektes „Wildtiere im Siedlungsraum Baden-Württembergs“ werden daher das Vorkommen von Wildtieren und auch die Einstellung der Menschen zu Wildtieren beleuchtet, um im Ergebnis eine Strategie zum Umgang mit Wildtieren innerhalb von Siedlungen zu entwickeln.“ [2] – …. und macht den Vorschlag, die Institution der Stadtjäger* innen mit besonderen Rechten zu schaffen: „Vermehrt kommt es zu Konflikten mit Wildtieren in Gebieten, in denen die Jagd nicht ausgeübt werden darf.

Es ist daher empfehlenswert, das Institut einer Stadtjägerin bzw. eines Stadtjägers einzuführen. Sie oder er soll auf Grundflächen einer Kommune, auf denen die Jagd ruht, schnell und situationsangepasst eingreifen können. Stadtjägerinnen und Stadtjäger sollen ebenso berechtigt sein, auf diesen Flächen schwer kranke oder schwer verletzte Tiere, die nicht dem Schutzmanagement unterliegen, zu erlegen.“ [2] Die Forschungsergebnisse wurden 2020 im Handbuch Wildtiermanagement im Siedlungsraum – Ein Handbuch für Kreise und Kommunen in Baden-Württemberg zusammengefasst [5]. Auf Grundlage des Wildtierberichtes 2018 entstand in der Novelle zum JWMG (veröffentlicht 30.06.2020) [6] der sogenannte Stadtjäger-Paragraph JWMG §13a: JWMG §13a: Stadtjägerinnen und Stadtjäger (1)

Die Gemeinde kann Stadtjägerinnen und Stadtjäger, die als solche durch die untere Jagdbehörde anerkannt sind, nach Anhörung der jagdausübungsberechtigten Person und nach Anhörung des Polizeivollzugsdienstes, einsetzen. Stadtjägerinnen und Stadtjäger haben die Aufgabe, Eigentümerinnen, Eigentümer oder Nutzungsberechtigte von befriedeten Bezirken nach § 13 Absatz 2 sowie Flächen im Sinne von § 13 Absatz 3 Nummer 1 bis 5 in Fragen des Wildtiermanagements und der Wildtiere im Sinne dieses Gesetzes in Siedlungsbereichen sowie in Geltungsbereichen von Bebauungsplänen zu beraten und zu unterstützen; sie arbeiten mit den Wildtierbeauftragten im Sinne des § 61 Absatz 1 zusammen. (2) Mit der Anerkennung nach Absatz 1 erteilt die zuständige Jagdbehörde die Erlaubnis, im Rahmen der Einsetzung mit Zustimmung der Eigentümerinnen, Eigentümer oder Nutzungsberechtigten der Grundflächen auf Wildtiere des Nutzungs- und Entwicklungsmanagements die Jagd im befriedeten Bezirk sowie auf Flächen im Sinne von § 13 Absatz 3 Nummer 1 bis 5 auszuüben, sofern präventive Maßnahmen keinen Erfolg versprechen oder soweit dies aus Gründen der Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder zur Abwehr von Gefahren durch Tierseuchen erforderlich ist.

Vor Aufnahme der jeweiligen Jagdausübung mit Schusswaffe ist der Polizeivollzugsdienst zu benachrichtigen. Das Aneignungsrecht hat die eingesetzte Stadtjägerin oder der eingesetzte Stadtjäger. Ein gegebenenfalls auf diesen Flächen bestehendes Jagdausübungsrecht wird mit dem Einsatz einer Stadtjägerin oder eines Stadtjägers beschränkt. (3) Als Stadtjägerin oder Stadtjäger kann anerkannt werden, wer einen Jagdschein besitzt, der zur Jagdausübung in der Bundesrepublik Deutschland berechtigt, und eine Ausbildung zur Stadtjägerin oder zum Stadtjäger absolviert hat. Die oberste Jagdbehörde wird ermächtigt, im Einvernehmen mit dem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration durch Rechtsverordnung nähere Bestimmungen zur Anerkennung und Einsetzung von Stadtjägerinnen und Stadtjägern und zu Art und Umfang der Maßnahmen des Wildtiermanagements und zur Ausübung der Jagd zu treffen. In diesem Stadtjäger-Paragraphen wird geregelt, dass Stadtjägerinnen und Stadtjäger (Jagdschein gültig in Deutschland vorausgesetzt) eine entsprechende Ausbildung absolvieren (siehe DVO, [7]) müssen. Anschließend werden diese von der zuständigen unteren Jagdbehörde als Stadtjäger*innen anerkennt.

Diese Anerkennung gilt in ganz Baden-Württemberg. Gemeinden können dann anerkannte Stadtjäger*innen in ihrer Gemeinde einsetzen und mit der Jagdausübung auf bestimmte Tierarten, in zu definierenden befriedeten Bezirken, unter bestimmten Umständen zu betrauen. Vor der Einsetzung sind die jagdausübungsberechtigte Person und der Polizeivollzugsdienst zu hören. Unberührt bleiben die Regelungen (Verbot) zur Freilassung von Neozoen und bestimmten anderen Tierarten; ansonsten können gefangene Wildtiere entsprechend der Regelungen in §37 JWMG in der freien Natur ausgesetzt werden.

Das Aneignungsrecht wurde neu geregelt und steht den eingesetzten Stadtjäger*innen zu. Es soll nicht verschwiegen werden, dass durch die damit möglicherweise verbundene Beschränkung des Jagdausübungsrechtes zu Konflikten führen kann, die es z.B durch geeignete Formulierungen in den Jagdpachtverträgen (z.B. durch Herausnahme der befriedeten Flächen) zu lösen gilt. Der Hinweis mit den Wildtierbeauftragten zusammenzuarbeiten in Verbindung mit §21 der DVO zur Novelle des JWMG ….

(1) Von den Jagdbehörden angeforderte Berichte über Beobachtungen zu Wildtieren und zu den Verhältnissen im jeweiligen Jagdrevier und Jagdjahr, insbesondere zu Bestand, Lebensraum und Zustand nach § 43 Satz 1 JWMG (Wildtiermonitoringdaten) sind von der jagdausübungsberechtigten Person oder von diesen dazu beauftragten Personen sowie eingesetzten Stadtjägerinnen und Stadtjägern der unteren Jagdbehörde elektronisch über das Wildtierportal [8] gemäß § 14a JWMG zu übermitteln. … schließt die Lücke des Wildtiermanagements und -monitorings in befriedeten Bezirken. Besonderen Wert legt §13a

(2) auf präventive Maßnahmen zur Vermeidung von Wildtierkonflikten, die jeder jagdlichen Tätigkeit vorauszugehen hat und nur unterbleiben kann sofern präventive Maßnahmen keinen Erfolg versprechen oder soweit die Jagdausübung aus Gründen der Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder zur Abwehr von Gefahren durch Tierseuchen erforderlich ist. Durch den §13 (4) und (5) JWMG bleibt die bisherige Regelung der Jagd im befriedeten Bezirk, ergänzt um die Bemerkung zu möglicherweise eingesetzten Stadtjäger*innen unberührt: Demnach können … (4) Die untere Jagdbehörde kann Eigentümerinnen, Eigentümern oder Nutzungsberechtigten von Grundflächen, auf denen die Jagd ruht, oder den von ihnen Beauftragten genehmigen, auf Wildkaninchen, Füchse, Steinmarder und andere Wildtierarten des Nutzungs- oder Entwicklungsmanagements die Jagd auszuüben und sich diese anzueignen, wenn sie einen Jagdschein oder im Falle der Beschränkung auf die Fangjagd einen Sachkundenachweis nach § 32 Absatz 4 besitzen. (5)

Die untere Jagdbehörde kann auf Grundflächen, auf denen die Jagd ruht, und soweit für diese Grundflächen keine Stadtjägerin oder kein Stadtjäger nach § 13a eingesetzt wurde, der jagdausübungsberechtigten Person oder einer von dieser beauftragten Person eine bestimmte Jagdausübung unter Beschränkung auf bestimmte Wildtierarten des Nutzungs- oder Entwicklungsmanagements auf eine bestimmte Zeit genehmigen, soweit dies aus Gründen der Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder zur Abwehr von Gefahren durch Tierseuchen erforderlich ist. Das Aneignungsrecht hat in diesem Falle diejenige jagdausübungsberechtigte Person, der oder deren Beauftragten die Jagdausübung genehmigt wurde. (6) Krankgeschossene, schwerkranke oder aus sonstigen Gründen schwer verletzte Wildtiere, die auf Grundflächen überwechseln, auf denen die Jagd ruht oder in denen nur eine beschränkte Jagdausübung gestattet ist, oder sich dort befinden, dürfen auch dort bejagt werden. Dies gilt nicht für Gebäude, die zum Aufenthalt von Menschen dienen.

Der jagdausübungsberechtigten Person steht das Aneignungsrecht zu. Die Grundstückseigentümerin oder der Grundstückseigentümer oder die nutzungsberechtigte Person ist unverzüglich zu benachrichtigen; diese Personen sind zur Herausgabe der Wildtiere verpflichtet. Die Novelle des JWMG vom 30.06 2020 wurde durch eine entsprechende Durchführungsverordnung (DVO), die ein Jahr später im 01.07.2021 in Kraft getreten ist, ergänzt und in §19 weitere Details zu den Stadtjäger*innen regelt [7]. § 19 Stadtjägerinnen und Stadtjäger (1) Die Ausbildungslehrgänge zur Stadtjägerin oder zum Stadtjäger im Sinne des § 13a JWMG müssen von der obersten Jagdbehörde anerkannt sein. Die Ausbildung beinhaltet die Vermittlung hinreichender Kenntnisse und praktischer Fertigkeiten, um die Aufgaben rechtskonform und waidgerecht im Sinne von § 8 Absatz 1 JWMG auszuüben.

Die Ausbildung umfasst den Erwerb von Kenntnissen und praktischen Fertigkeiten zu

1. Ökologie von Wildtieren im Siedlungsraum, insbesondere Wildarten, Wildkrankheiten, Lebensweisen, Nahrungsspektren, Verhaltensmustern, Fortpflanzung, Aufzucht der Jungtiere,

2. Kommunikation mit und Beratung von Bürgerinnen und Bürgern, Behörden und weiteren relevanten Gruppen in Fragen des Wildtiermanagements und der Wildtiere im Sinne des JWMG in Siedlungsbereichen sowie in Geltungsbereichen von Bebauungsplänen,

3. Präventions- und Konfliktmanagement im Siedlungsraum sowie die Zusammenarbeit mit von Wildtierkonflikten betroffenen Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen,

4. Gefahren für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung und Konfliktpotentiale durch Wildtiere,

5. Möglichkeiten und Grenzen der Vergrämung und Bejagung, einschließlich Fang und Erlegung,

6. den rechtlichen Grundlagen des Jagdrechts, des Tierschutzrechts, des Artenschutzrechts, des Waffenrechts und des Gefahrenabwehrrechts. (2) Die für die Ausstellung des Jagdscheins zuständige untere Jagdbehörde erkennt eine Person auf Antrag als Stadtjägerin oder Stadtjäger mit landesweiter, unbefristeter Geltung durch Ausstellen eines Ausweises entsprechend der Anlage 4 an, wenn sie einen gültigen Einjahres- oder Dreijahres-jagdschein besitzt und eine Ausbildung zur Stadtjägerin oder zum Stadtjäger nach Absatz 1 erfolgreich absolviert hat.

Hat die antragstellende Person ihren Wohnsitz außerhalb des Landes, ist für die Anerkennung die untere Jagdbehörde zuständig, in deren Zuständigkeitsbereich die Gemeinde fällt, in der die Einsetzung nach Absatz 3 erfolgen soll. Die Person muss die persönliche und fachliche Eignung besitzen. Die Anerkennung muss die aus drückliche Erlaubnis der zuständigen Jagdbehörde zur Jagdausübung im befriedeten Bezirk enthalten. Nach der erstmaligen Anerkennung müssen Stadtjägerinnen und Stadtjäger mindestens alle fünf Jahre an einem Fortbildungslehrgang teilnehmen. Die untere Jagdbehörde versagt oder widerruft die Anerkennung, wenn die Voraussetzungen nach Satz 1, 3 oder 5 nicht oder nicht mehr vorliegen.

Die DVO benennt die Inhalte der Ausbildung der Stadtjäger*innen und legt fest, dass die Ausbildungslehrgänge durch die Oberste Jagdbehörde anerkannt sein müssen und dass Stadtjäger*innen nach erstmaliger Anerkennung mindestens alle 5 Jahre an einem Fortbildungslehrgang teilnehmen müssen. Ferner legt die DVO fest, dass die Stadtjäger*innen in der Lage sein müssen, die Aufgaben rechtskonform, dies sollte selbstverständlich sein, aber auch waidgerecht durchzuführen wobei der Begriff „waidgerecht“ im Sinne des JWMG §8(1) als „gute fachliche Praxis der Jagdausübung“ verstanden werden muss. Die DVO wiederholt die Voraussetzungen zur Anerkennung von Stadtjäger*innen und konkretisiert den Verwaltungsakt der Anerkennung und die Ausstellung eines Ausweises. Im Weiteren findet man in der DVO Konkretisierungen zur Einsetzung anerkannter Stadtjäger*innen hinsichtlich deren Aufgaben. Weitsichtig findet man in der DVO das „berechtigte Interesse der Stadtjäger*innen“ Auskünfte über die Besitzverhältnisse aus dem Grundbuch zu erhalten.

Da die Jagd nur mit Einverständnis des Eigentümers ausgeübt werden darf ist es unerlässlich diese Personen zu benennen. (3) Gemeinden können anerkannte Stadtjägerinnen oder Stadtjäger allgemein oder anlassbezogen nach pflichtgemäßem Ermessen durch Bescheid entsprechend Anlage 5 einsetzen. Die Einsetzung kann zeitlich befristet erfolgen. Der Bescheid nach Satz 1 und dessen inhaltliche Änderung oder Aufhebung ist der unteren Jagdbehörde, in deren Zuständigkeitsbereich die Jagd ausgeübt wird, von der Gemeinde unverzüglich zur Kenntnis zu geben. Die Einsetzung als Stadtjägerin oder Stadtjäger begründet ein berechtigtes Interesse im Sinne des § 12 Absatz 1 der Grundbuchordnung in Bezug auf die maßgeblichen Flächen. Sofern das Jagdrecht auf den maßgeblichen Flächen verpachtet ist, ist die pachtende Person gemäß § 13a Absatz 1 Satz 1 JWMG dazu anzuhören, dass die Einsetzung einer anderen Person als Stadtjägerin oder als Stadtjäger erwogen wird.

Sofern die pachtende Person anerkannte Stadtjägerin oder Stadtjäger ist, soll sie oder er vorrangig eingesetzt werden. (4) Die Jagd mit Schusswaffen darf nur ausgeübt werden, wenn sie bei pflichtgemäßem Ermessen unter Beachtung der guten fachlichen Praxis erforderlich ist und präventive Maßnahmen keinen Erfolg versprechen. Die Benachrichtigung des Polizeivollzugsdienstes nach § 13a Absatz 2 Satz 2 JWMG erfolgt an das Führungs- und Lagezentrum des zuständigen Polizeipräsidiums vor Aufnahme der jeweiligen Jagdausübung mit Schusswaffe. Die Benachrichtigung kann mündlich, fernmündlich oder elektronisch erfolgen. (5) Bei der Jagdausübung im befriedeten Bezirk sind der Ausweis nach Absatz 2, durch den die Anerkennung bescheinigt wird, der Bescheid nach Absatz 3 zur Einsetzung, ein gültiger Einjahres- oder Dreijahresjagdschein sowie ein amtlicher Lichtbildausweis mitzuführen; § 38 des Waffengesetzes bleibt unberührt.

Die DVO wiederholt die Pflicht der Stadtjäger*innen den Polizeivollzugsdienst vor dem Einsatz der Schusswaffe zu informieren. Dies liegt aber eigentlich schon im Eigeninteresse, will man nicht riskieren, einem Sondereinsatzkommando gegenüber zu stehen. Zu bedenken ist hier besonders der Schusswaffeneinsatz in der Nähe von Gebäuden mit Objektschutz. In Zusammenarbeit mit der Obersten Jagdbehörde hat der Jagd – Natur – Wildtierschützerverband Baden-Württemberg e.V. bereits 2017 damit begonnen, „geprüfte Stadtjäger*innen (JWMG)“ nach einer eigenen Ausbildungsordnung auszubilden. In den Jahren bis 2021 wurden nach dieser Ausbildungsordnung etwa 120 „geprüfte Stadtjäger*innen (JWMG)“ ausgebildet.

Die Oberste Jagdbehörde machte diesen „geprüften Stadtjäger*innen (JWMG)“ zur Auflage in einem Zusatzmodul die Prävention zur Vermeidung von Wildtierkonflikten zu vertiefen, wodurch auch diese, vor in-Kraft-treten der DVO zur Novelle des JWMG mit ihren Anforderungen an die Ausbildungsinhalte geschulten Stadtjäger*innen die fachliche Voraussetzung zur Anerkennung durch die Untere Jagdbehörde erlangt haben (Anerkennung der Ausbildung des JNWV-BW durch das MLR unterstellt). Der Jagd – Natur – Wildtierschützerverband Baden-Württemberg e.V. hat inzwischen auf Basis dieser DVO einen Ausbil dungsplan bei der Obersten Jagdbehörde zur Genehmigung eingereicht und rechnet mit der Anerkennung der Ausbildung im März dieses Jahres. Die 30 Teilnehmer des Stadtjäger Kurs 2022 werden bereits nach dieser Ausbildungsordnung geschult.

Die verwaltungstechnischen Voraussetzungen zur Anerkennung und Einsetzung der Stadtjäger*innen sollen bis zu Beginn des Jagdjahres 2022/23 geschaffen sein. Durch die Ausbildung der Stadtjäger*innen vor der Novelle des JWMG und der entsprechenden DVO stehen den Gemeinden bereits jetzt die ersten fachlich geschulten Stadtjäger*innen zur Verfügung, die auf ihre Anerkennung und Einsetzung warten. Mit der Schaffung der Institution der Stadtjägerinnen und Stadtjäger hat Baden-Württemberg eine großen Schritt getan um das Wildtiermanagement flächendeckend zu sichern, die Bevölkerung in Wildtier-Mensch-Konflikten zu beraten, präventive Maßnahmen zur Verhinderung dieser Konflikte und jagdliche Möglichkeiten unter Berücksichtigung des Waffengesetzes verwaltungstechnisch zu vereinfachen. Da in den vergangenen Jahren den Gemeinden aber auch Privatpersonen keine entsprechende Ansprechpartner zur Verfügung standen, haben häufig andere Institutionen diese Aufgabe im teilweisen illegalen Bereich unter Umgehung des Jagdrechts übernommen.

Diese anderen Institutionen werden auch weiterhin in das urbane Wildtiermanagement eingebunden sein wenn es sich um Tierarten handelt, die nicht dem Entwicklungs- oder Nutzungsmanagement des JWMG angehören. Da die Oberste Jagdbehörde ermächtigt ist durch Rechtsverordnung nähere Bestimmungen „zu Art und Umfang der Maßnahmen des Wildtiermanagements und zur Ausübung der Jagd zu treffen“ bleibt abzuwarten, ob sich die Befugnisse und jagdlichen Möglichkeiten der Stadtjäger*innen erweitern. Dies wird um schneller geschehen je schneller Gemeinden die Vorteile von eingesetzten Stadtjäger*innen erkennen und deren Tätigkeit zu schätzen lernen – sowohl verwaltungstechnisch als auch ergebnisorientiert.

Es wäre wünschenswert wenn sich in den Gemeinden und Landkreisen Strukturen aus mehreren Institutionen, jeder mit seinen Fähigkeiten aber auch beschränkt auf diese, etablieren, die am runden Tisch möglichst präventiv Lösungswege für Wildtier-Mensch-Konflikte aufzeigen und mittel- oder langfristig vermeiden und somit die heutige Situation, dass Konflikte meist nur jagdlich gelöst werden, ablösen. Den Wildtierbeauftragten der Landratsämter kann in diesem Zusammenhang eine besondere, koordinierende Funktion zu Teil werden. Bürgerinnen und Bürger haben jedenfalls in den eingesetzten Stadtjäger*innen kompetente Ansprechpartner*innen, die sich ihrer Bedenken und Probleme, präventiv oder mit jagdlichen Möglichkeiten, annehmen. Zu vermitteln ist dabei den Betroffenen, dass Tierschutz und Naturschutz über den eigenen Empfindlichkeiten stehen und dass urbanes Wildtiermanagement nur unter Beachtung des JWMG erfolgen kann. Im nächsten Hegemeister soll auf die Regelungen zur Jagd in befriedeten Bezirken in anderen Bundesländern eingegangen werden was ggf. zur Beantwortung der Eingangsfrage führen kann.

Literatur:

[1] Jagd- und Wildtiermanagementgesetz (JWMG) – Vom 25. November 2014 https://www.landtag-bw.de/files/live/sites/LTBW/files/dokumente/ WP15/Drucksachen/6000/15_6132_D.pdf
[2] Wildtierbericht 2018 https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/ m-mlr/intern/dateien/PDFs/Wald/Wildtierbericht_2018.pdf
[3] Wildtiere im Siedlungsraum Baden-Württembergs I (2010 – 2013) https://freidok.uni-freiburg.de/proj/4988
[4] Wildtiere im Siedlungsraum Baden-Württembergs III (2016 – 2019) https://freidok.uni-freiburg.de/proj/7451
[5] Peerenboom G., Betge, F., Janko C. und Storch, I. (2020) Wildtiermanagement im Siedlungsraum – Ein Handbuch für Kreise und Kommunen in Baden-Württemberg https://freidok.uni-freiburg.de/data/166825
[6] Gesetz zur Änderung des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes und des ForstBW-Gesetzes
[7] Verordnung des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz zur Änderung der Verordnung zur Durchführung des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes
[8] https://www.wildtierportal-bw.de/de