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Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

Des Jägers Stiefkind?

Revierhegemeister-Abschlussarbeit, von Liane Baumann, VJN

Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

Kurzwaffen und ihre Bedeutung im jagdlichen Einsatz

„Es ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild“ – dieser alte Jägerspruch hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Die Befugnis wildlebende Tiere zu töten und sich anzueignen, die dem Jagdrecht unterliegen, ist ein Privileg, das ein Jäger mit dem erfolgreichen Abschluss seiner Jägerprüfung erwirbt. Waidgerecht ist das Erlegen von Wild in dem man ihm Qualen erspart und das erlegte Wild ordentlich behandelt.

Dazu ist es nicht nur notwendig das Jagdhandwerk entsprechend verantwortungsvoll auszuüben, sondern es ist unabdingbar, dass der Jäger die von ihm eingesetzten Mittel – insbesondere seine Waffen – einwandfrei beherrscht. Zur Ausübung der Jagd stehen dem Jäger verschiedene Arten von Waffen zur Verfügung. Aus der Historie der Jagd sind es der Speer, die Lanze, der Bogen, das Blasrohr, die Armbrust etc. In Deutschland sind diese Waffe aber nicht zur Jagd auf Schalenwild zugelassen. An blanken Waffen stehen dem Jäger das Jagdtaschenmesser, das Waidmesser, das Waidblatt, der Hirschfänger und die Saufeder zur Verfügung. Der Hauptbegleiter des Jägers ist aber sein Gewehr.

Je nach Erfordernis oder Art der Jagd führt der Jäger seine Schrotflinte – ob Einlauf oder Doppelflinte, seine Büchse für Kugelpatronen oder kombinierte Waffen. Bei all diesen Waffen handelt es sich dem Gesetz nach um Langwaffen (Länge über 60 cm). Ob die Jagd nun aus beruflichen Gründen, als geprüfter Jagdaufseher oder aus Passion als ausgebildeter Jäger ausgeübt wird: in den vorgeschriebenen Behältnissen zur Unterbringung finden sich bei fast jedem, der Vorgenannten, eine größere Anzahl dieser Waffen. Anders sieht es aus bei den sogenannten Kurzwaffen. Diese Kurzwaffen sind Waffen bis einschließlich 60 Zentimetern Länge – insbesondere Pistolen und Revolver. Die Treffsicherheit und Schusswirkung der verhältnismäßig schwachen, aus kurzen Läufen verfeuerten Patronen, ermöglichen lediglich einen Einsatz auf kurze Entfernung.

Jagdlich lassen Sie sich nur für spezielle Zwecke sinnvoll einsetzten

1. Zum Erlegen, mit einem gezielten Schuss auf kurze Entfernung, von lebend, in Fallen gefangenem Raubwild und Raubzeug.

2. Weiterhin werden Kurzwaffen für den Fangschuss auf Schalenwild eingesetzt, denn der Schuss auf kurze Distanz aus einer genügend wirksamen Faustfeuerwaffe erlöst das kranke Wild oft schneller von seinen Leiden als das ggf. mit einer blanken Waffe oder der Langwaffe mit Zieloptik möglich wäre. Genügend wirksam bedeutet, dass die verwendete Patrone eine Mündungsenergie von mindestens 200 Joule entwickelt.

3. Eine weitere Verwendungsmöglichkeit der Faustfeuerwaffen, für den Jäger, ist ihr Einsatz für den Selbstschutz. Diesen Aspekt greife ich später an anderer Stelle detaillierter auf. Aufgrund der kleinen Bauart von Kurzwaffen ist eine körpernahe und auch verdeckte Tragweise dieser möglich. Diese Tatsache bringt einige Risiken mit sich, wenn man zur Jagdausübung eine geladene, gesicherte Waffe bei sich trägt. Hier ist eine absolut sichere Beherrschung der jeweiligen Kurzwaffe unerlässlich, weil sich durch den unsicheren Gebrauch und dem fast unbeschränkten Bewegungsradius von Kurzwaffen erhebliche Risiken für den Jäger selbst und andere Menschen ergeben könnten.

In der gängigen Literatur zur Jagdausbildung finden sich immer wieder Hinweise darauf, sich bei dem Erwerb einer Kurzwaffe durch einen Büchsenmacher genau in die Handhabung der Ausgewählten unterweisen zu lassen und auf dem Schießstand zu üben, damit dem Besitzer die Bedienungshandgriffe geläufig werden. Dabei bleibt es aber oftmals. Im Fachbuch von Fritz Nüßlein – „Das praktische Handbuch der Jagdkunde“ widmet sich der Autor, auf insgesamt 47 Seiten der Bewaffnung des Jägers auf gerade einmal 4 Seiten dem Thema Kurzwaffe und der dazu gehörenden Munition. Bei meiner Recherche in der Literatur zur Jagdausbildung – Dietzels Niederwildjagd 1910-1930, ist mir aufgefallen, dass der jagdliche Einsatz von Kurzwaffen, obwohl es durchaus schon genügend Modelle von Militärwaffen gab, überhaupt nicht erwähnt worden ist. Ähnlich knapp wird das Thema Kurzwaffe auch in den Werken von Richard Blase und Fritz von Oehsen behandelt. Entsprechend zu kurz kommt das Thema bei vielen Jagdausübenden auch in der jagdlichen Praxis.

Häufig verbleiben die Kurzwaffen – sofern überhaupt vorhanden – daheim „im Schrank“. Vor der Änderung des Erbenprivilegs wurden die Pistolen und Revolver aus den Nachlässen von Jägern früher gerne übernommen. Fernglas und Kurzwaffen wurden von den Erben gerne behalten, auch ohne entsprechende Sachkunde und Schießpraxis (für alle Fälle!). Das Privileg des Jägers 2 Kurzwaffen besitzen und bei der Jagdausübung auch führen zu dürfen, sollte man durch eine unzureichende praktische Ausbildung nicht gefährden, auch wenn diese während der Jagdausübung nur selten zum Einsatz kommen. Die Jagd mit Kurzwaffen auf Schalenwild ist ausdrücklich untersagt. Der sichere Umgang mit Kurzwaffen ist mir als Sportschützin geläufig, jedoch handelt es sich dabei in der Regel um ein präzises Schießen auf eine Distanz von 25 Metern, in absoluter Ruhe, mit verhältnismäßig langsamen Bewegungen und entsprechenden Atemtechniken.

Die Waffen werden dazu nur mit der notwendigen Munition für die jeweilige Disziplin geladen und später, bei der Trefferaufnahme, entleert und geöffnet abgelegt. Ähnlich verhält es sich beim offiziellen jagdlichen Kurzwaffenschießen gemäß der Schießordnung des Deutschen Jagdverbandes.

Nachfolgend erläutere ich die 3 Disziplinen des jagdlichen Kurzwaffenschießen auf die DJV Pistolenscheibe:

1. Das Zeitschießen: hier erscheint die Scheibe 5 mal für 3 Sekunden (Zwischenzeit 7 Sekunden) und wird mit jeweils einem Schuss beschossen. Der Schütze wartet in zur Scheibe gewandter Haltung mit geladener Waffe, wahlweise in gespanntem oder ungespanntem Zustand. Der Haltungswinkel der Waffe sollte bei ausgestrecktem Schießarm im Winkel von 45 Grad zur Erde gerichtet sein.

2. Das Fertigkeitsschießen besteht 2 Serien mit jeweils 5 Schüssen. Die Scheibe erscheint 10 mal für 4 Sekunden und wird mit jeweils einem Schuss beschossen. Die Waffe befindet sich dabei in einem untergeschnallten, geschlossenen Futteral oder in einem, völlig durch die Kleidung bedecktem Futteral, in der Tasche einer Jacke oder eines Mantels, das Schloss muss dabei entspannt sein. Diese Übung erwartet der Schütze mit hängenden Armen.

3. Das Schnellfeuerschießen besteht aus 1 Serie mit 5 Schüssen. Die Scheibe erscheint für 8 Sekunden und ist mit 5 Schüssen zu beschießen. Die eingenommene Haltung ist hier wie beim Zeitschießen. Diese Disziplinen werden allerdings wie beim sportlichen Kurzwaffenschießen auf eine Distanz von 25 Metern absolviert. Nach einer festgelegten zu erreichenden Punktzahl kann eine DJV Schießleistungsnadel für Kurzwaffen erworben werden. Schießleistungsnadeln dieser Art sind mir in meinem jagdlichen Alltag äußerst selten begegnet. Für mich hat diese Art von Schießsport hat eher wenig mit dem Einsatz einer Kurzwaffe im jagdlichen Gebrauch zu tun.

Zu diesem Schluss bin ich gelangt als ich zu ersten Mal Berührung mit dem Ausbildungsmodul des Verband der Jagdaufseher Niedersachsen: „Kundiger Schwarzwildjäger“ bekommen habe. Ohne zu wissen, dass ich diese Ausbildung zum Jagdaufseher wirklich einmal absolvieren würde, habe ich den o. g. Lehrgang aus Interesse und zur Weiterbildung der praktischen Jagdausübung auf Schwarzwild absolviert. Der Lehrgang besteht u. a. aus praxisorientierten Schießübungen für Jäger z. B.: Praxis Fangschuss, Schießen mit der Kurzwaffe unter Stress. Wie wichtig es ist, in absolut jagdpraxisnahen Übungen den disziplinierten, sicheren Umgang und das trotzdem präzise Schießen mit Kurzwaffen nach schneller Bewegung und unter Stress zu trainieren, wurde mir bei diesem Lehrgang mehr als deutlich. Durch dieses Erlebnis überzeugt habe ich mich zum Jagdaufseher- Lehrgang des VJN angemeldet und diesen auch erfolgreich absolviert. Wie wichtig es ist sein Wissen als Jäger in den verschiedensten Bereichen wie: Hege, Waffen und Optik, Jagdarten, Jagdliche Einrichtungen, Wildbewirtschaftung, Land- und Waldbau, Naturund Umweltschutz, Jagdhilfstiere, Jagdrecht, Öffentlichkeitsarbeit / Kommunikation, Jagdliches Brauchtum und auch durch praktische Schießseminare zu aktualisieren und zu erweitern, habe ich durch diese Ausbildung erkannt. Nach dieser Ausbildung, des zum Jagdschutz berechtigten Personenkreises ist das Verständnis für die vorgenannten Themen extrem geschärft worden. In logischer Konsequenz habe ich mein jagdliches Wissen durch die geforderten Ausbildungsmodule zum verbandsinternen „Revierhegemeister“ (BDJV) ständig erweitert. Zugegeben habe ich auch einen besonderen Focus auf die Seminare der Schießausbildung gelegt. Ein gewisses Defizit kann ich bei der aktuellen und meiner traditionellen Jägerausbildung, in Bezug auf die Kurzwaffen-Ausbildung, erkennen.

In diesem Bereich hat der „Verband der Jagdaufseher Niedersachsen“ eine Reihe von sehr praxisnahen, aufeinander aufbauenden Seminaren entwickelt. Grundlagen sind hier:

• die persönlich richtige Wahl der zur Jagd eingesetzten Kurzwaffe (Revolver vs. Pistole)

• das sichere Tragen der Waffen im geeigneten Holster, in der richtigen Position

• der absolut sichere Umgang mit der geladenen Waffe für den jagdlichen Einsatz

• das Schießen aus der Bewegung und auf kurze Distanz

• das Schießen in einer Stresssituation und nach körperlicher Anstrengung

• Die Koordination und Abstimmung mehrerer Schützen untereinander, wie beim Einsatz auf z. B. Gesellschaftsjagden

• Rechtliche Grundlagen für den Kurzwaffeneinsatz im Bereich der Notwehr und zum Selbstschutz

• das schnelle Erfassen einer Jagd-Situation und der angemessene Einsatz der geführten Waffe

In der jagdlichen Praxis erlebt man keine „Schießstand“- Situation! Darauf wurden wir in den Kurzwaffen Seminaren des VJN geschult. Diese finden in kleinen Gruppen, in enger Zusammenarbeit mit dem Trainer und nach einem durchdachten Konzept, eng angelehnt an die alltäglichen, rein jagdlichen Herausforderungen, statt. Die Grundlage für die Durchführung des Trainings ist das Vertrauen in die sichere und disziplinierte Handhabung, der eigenen Kurzwaffe, aller Teilnehmer während des gesamten Lehrgangs. In Situationen wie z. B.: die kriechende Bewegung mit einer geladenen Kurzwaffe durch simuliertes Unterholz, der schnelle, gezielte Schuss auf plötzlich herannahendes Schwarzwild in einer für den Jäger bedrohlich wirkenden Situation, das Schießen aus einer natürlichen Deckung und aus der eigenen Bewegung heraus sind Situationen, die uns auf der Jagd ständig begegnen können.

Die Sensibilisierung auf die Herausforderungen des Jagdalltags, in Zusammenhang mit dem Einsatz der Faustfeuerwaffe, ist durch diese Schulungen eine sowohl jagdlich-praktische als auch psychologische Weiterentwicklung des Jagdaufsehers. Im jagdlichen Alltag kann es auch durchaus einmal zu schwierigen Situationen mit Jagdgegnern oder zu persönlichen Angriffen kommen, dann ist es umso wichtiger, dass die Reaktion darauf gefestigt, sicher und angemessen erfolgt. Mein Fazit zu dem von mir gewählten Thema lautet: Es liegt im Ermessen eines jeden Jägers ob er sich im Rahmen seiner Jagdausübung auch einer Kurzwaffe bedient. Wenn er dies tut, sollte die Handhabung und der Gebrauch der Kurzwaffen ausreichend geübt sein. Wie bei allem in der Jagd gilt „Übung macht den Meister“.

Die umfangreichen und vielschichtigen Schulungen des Jagdaufseher Verband Niedersachsen und des BDJV, vermittelt den Teilnehmern seiner Seminare ein jagdliches Wissen und praktische Fertigkeiten die deutlich über die Ausbildung zum Jäger hinausgeht. Auch passionierte, langjährige und äußerst erfahrene Jäger nehmen diesen breiten und aktuellen Wissensschatz aus dieser Fortbildung mit in ihren Jagdalltag.