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Rehkitzrettung

Rehkitzrettung

Autor: Michel Lauer

In den vergangenen Jahren bekam die von Revierinhabern durchgeführte Praxis der Kitzrettung einen technischen Schub, die Drohne mit Wärmebildkamera wurde dabei zum Mittel der Wahl. Auch medial wurde dieser Einsatz durch Beiträge in den sozialen Medien sowie in Printerzeugnissen einem breiteren Publikum zugetragen.

Rehkitzrettung – Um was geht es?

Kitzrettung

Kitzrettung

Im Fokus der Bemühungen stehen das Verhindern des Ausmähens von Kitzen, also frisch gesetzten Rehen. In den ersten Lebenswochen werden diese von der Geiß gut versteckt vor Prädatoren abgelegt und nur zum Säugen und nach einigen Tagen auch für erste kleine Spaziergänge mit dem Muttertier aufgesucht. Dabei ist der fehlende Eigengeruch die Lebensversicherung für Kitze. Hochstehende Wiesen werden aufgrund ihrer Deckung und der gleichzeitigen Äsungmöglichkeit dabei bevorzugt genutzt. Neben Kitzen dienen Wiesen auch Bodenbrütern sowie Feldhasen als Kinderstube und Lebensraum.

Ein adultes Tier kann dabei dem Mähwerk des Landwirtes problemlos entkommen, während Jungtiere aufgrund des fehlenden oder spät einsetzenden Fluchtverhaltens massiv gefährdet sind, ausgemäht, also schwer verletzt oder getötet zu werden. Das Tierschutzgesetz regelt den Umgang mit Tieren im §1 wie folgt: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Weiter stellt das Gesetz in § 17 die Tötung von Wirbeltieren „ohne vernünftigen Grund“ unter Strafe. Die Erfüllung dieser Pflicht obliegt dabei dem Maschinenführer, die Wildtierrettung wird in der Praxis aber zumeist durch den Revierinhaber veranlasst. Diese ehrenamtliche Tätigkeit der örtlichen Jäger ist eine gelebte Form der Waidgerechtigkeit und des Tierschutzes.

Dabei kann es bei Anwendung aller Methoden und Wahrung höchster Sorgfalt zu einem Ausmähen kommen, kein Verfahren bietet einen hundertprozentigen Schutz. Landwirte stehen in der Ernte unter einem hohen Zeitdruck, gerade dann bietet sich eine Zusammenarbeit zwischen Revierinhabern und Landwirten an. Das gemeinsame Ziel des Tierschutzes verbindet alle Beteiligten.

Rehkitzrettung – Wie funktioniert das?

Kitzrettung

Kitzrettung

Es gibt diverse Methoden der Wildtierrettung. Die bisher am meisten praktizierte Form ist das Absuchen der Wiesen zu Fuß und / oder mit brauchbaren Hunden kurz vor der Mahd. Dabei sind die Hunde aufgrund der Temperaturen und der Samen des Bewuchses stark gefordert. Einige Hundeführer setzen daher auf Schutzbrillen für den Einsatz im teils brusthohen Bewuchs. Das Absuchen sollte angepasst an die Temperaturen mit angemessenen Pausen sowie ausreichend Trinkwasser begleitet werden.

Ein Ausspülen der Augen nach dem Hundeeinsatz mit einer Natrium-Chlorid- Lösung hilft potenzielle Reizungen der Augen zu verhindern. Mit dem Einsatz von Drohnen mit Wärmebildkamera wird die Wärmeabstrahlung durch Jungtiere genutzt. Dabei wird die Fläche in einer dem Bewuchs angepassten Höhe abgeflogen. Zum Fliegen benötigt der Pilot einen Drohnenführerschein, die Drohne selbst muss mit einer feuerfesten Plakette versehen sein, durch welche der Eigentümer verifiziert werden kann. Neben dem Drohnenpilot ist auch ein „Spotter“ nötig, da sich der Pilot ausschließlich auf das Manövrieren der Drohne konzentrieren muss. Eventuelle Hindernisse wie Bäume und Stromleitungen müssen rechtzeitig erkannt und umflogen werden.

In der Praxis sind neben Pilot und Spotter auch ein oder besser zwei Personen nötig, die gefundenes Jungwild unter Anweisung des Spotters sichern können. Für die Kommunikation haben sich hierfür Sprechfunkgeräte als unverzichtbar erwiesen. Der Einsatz der Drohne muss in den frühen Morgenstunden durchgeführt werden, da sich die Umgebungstemperatur sonst zu stark erhöht und sich somit Kitze oder Gelege im Wärmebild nicht deutlich von der Umgebung abheben.

Rehkitzrettung – Kitz gefunden – was tun?

Ob mit der Drohne oder zu Fuß- gefundenes Jungwild muss gesichert werden. Dabei stehen zwei Möglichkeiten der Sicherung zur Auswahl. Das gefundene Wild wird in eine benachbarte Fläche getragen und dort mit Bedacht an einem Ort mit ausreichend Deckung abgelegt. Dies darf aufgrund der potenziellen Geruchsübertragung nur mit frischen Einweghandschuhen durchgeführt werden.

Alternativ kann das Wild vor Ort mit einer Kiste mit ausreichend Luftlöchern gesichert werden, die für den Maschinenführer deutlich gekennzeichnet sein muss. Nach der Mahd wird die Kiste entfernt und das Jungtier kann vom Elterntier aufgesucht und abgeholt werden. Das Sichern mittels einer Kiste bietet dabei den Vorteil, dass das Jungtier an Ort und Stelle verbleibt und nicht erst vom Elterntier gesucht werden muss. Die Gefahr in der Verbringung des Jungtiers liegt in der Gefährdung einen fremden Geruch anzunehmen. Fremdgerüche führen zum Verstoßen durch das Muttertier und in der Folge dessen zum Tod. Beim Verbringen müssen zwangsweise Handschuhe und Umgebungsvegetation benutzt werden, um das Jungtier vor Fremdgeruch zu schützen.

Die im Mai und Juni überall präsenten Bilder von Kitzen in Händen von Rettern bieten leider zu häufig Anlass zur Kritik, wenn alte Handschuhe ohne Vegetation als zusätzlicher Schutz benutzt werden.

Rehkitzrettung – Vergämen – Hilfe zur Selbsthilfe?

Kitzrettung

Kitzrettung

Neben dem Aufsuchen der Jungtiere bietet sich das Vergrämen von Mahdflächen an. Dabei kann die Vergrämung durch verschiedene Methoden erfolgen. Das Aufstellen von Stäben mit frei beweglichen Müllsäcken bietet eine optische Vergrämung, bei ausreichend Wind auch eine akustische. Der Markt bietet auch Vergrämungsspray aus der Sprühdose oder Liquide zum Aufträufeln und Aufhängen in der Mahdfläche an. Weiter gibt es sogenannte „Kitzretter“, die in unregelmäßigen Intervallen verschiedene Pieptöne abgeben und eingebaute Blinklichter zusätzlich visuell für Vergrämung sorgen.

Die Kitzretter werden dabei an einem Pfosten über den Bewuchs gehängt und mit einem Akku in einer wasserdichten Plastikkiste mit Strom versorgt. Je lichter der Bewuchs, desto größer die Reichweite des einzelnen „Kitzretters“. Ziel der Vergrämung ist es, dass vor allem Geißen ihre Kitze aus der vergrämten Fläche herausführen. Bei beiden Methoden ist ein gewisser zeitlicher Vorlauf nötig und der Landwirt muss sich an den geplanten Mähtermin halten. Die Gefahr bei einem zu frühen Aufstellen der Scheuchen oder Rehkitzretter ist ein Gewöhnungseffekt, so dass Kitze in der Mahdfläche wieder abgelegt werden.

Kitzrettung Praxis in Hessen

In der Praxis haben sich Kombinationen aus Flächenvergrämung und dem Absuchen mit Drohne oder zu Fuß als äußerst effektiv erwiesen. Eine Drohne samt Wärmebildkamera bedeutet eine nicht unerhebliche finanzielle Investition. Seit Juli 2021 setzt der Natur- und Wildtierschutzverband Hessen e.V. eine vom BMEL geförderte Drohne vom Typ Yuneec Typhoon H520E ein. Diese Drohne steht allen Mitgliedern in Hessen zur Verfügung, die über eine entsprechende Lizenz verfügen. Die Haftpflicht- und Vollkaskoversicherung übernimmt der Verband. Aktuell befinden sich Herr Carmelo Chila und Herr Christian Dern im nördlichen Rhein-Main-Gebiet im Einsatz und fliegen ehrenamtlich für unterschiedliche Revierinhaber.

Erfolge der Kitzrettung?

Die Kitzrettung wirft bei verschiedenen Institutionen Fragen auf. So hat die Regierung Oberbayern im Oktober 2021 alle bayrischen Jagdbehörden um eine Stellungnahme gebeten, wie mit der hohen Zahl der geretteten Kitze hinsichtlich der Abschussplanung umzugehen sei. Grund hierfür war eine Meldung des Bayrischen Jagdverbandes, dass in der Mähsaison 2021 in Bayern über 90.000 Kitze gerettet und gemeldet wurden. In direkter Folge schalteten verschiedene Initiativen ihre Meldeportale ab.

Der Gedanke, den Abschussplan um gerettete Kitze zu erhöhen ergibt keinen Sinn. Ausgemähte Kitze werden auf den Abschussplan angerechnet, die Dunkelziffer kann durch eine Kontrolle nach der Mahd minimiert werden. Vor dem Mähtod bewahrte Kitze befinden sich daher schon auf dem Abschussplan. Die Grundlage für jegliche jagdliche Bewirtschaftung eines Reviers sollte der Zustand der Population in Zahl und Konstitution sowie die Einbeziehung von Wildschäden auf Grundlage von Gutachten sein. Der Versuch den Abschussplan für Rehwild mit dem Argument der Kitzrettung zu erhöhen ist ein Hohn für alle freiwilligen Kitzretter. Diese engagieren sich ehrenamtlich, um dem

Rehkitzrettung Rhein-Neckar e.V.

Rehkitzrettung Rhein-Neckar e.V.
Ein Erfolgsmodell
Autor: Christoph Maetz & Martina Löber

Die meisten von uns werden diese unschöne Erfahrung schon gemacht haben. Auf Reviergang nach der Mahd finden wir bedauerlicherweise von den Messern des Mähwerks, verstümmelte Rehkitze. Im schlimmsten Fall sind die Tiere noch am Leben und Leiden unter starken Schmerzen. Einen Schuldigen zu suchen ist müßig und ändert nichts an dem Geschehenen. Doch es führte Anfang 2020 zu der Idee, ein eigenes Projekt zur Jungwildrettung auf die Beine zu stellen.

Nach einem Informellen Treffen mit einem Dutzend Jäger und Jagdpächtern, wurde im Juni 2020 der Verein Rehkitzrettung Rhein-Neckar e.V. gegründet. Was als eine Initiative von Jägern begann, sollte kein Heimspiel bleiben, wir wollten immer auch andere Interessensgruppen in das Projekt mit einbinden. So gehörten zu den ersten Mitgliedern nebst Jägern auch Privatpersonen, Vertreter des NABU und die Bürgermeisterin der Stadt Gaiberg! Durch gute Kontakte des Vorstands, als auch unermüdliche Mundpropaganda, konnten wir in den ersten Monaten so viele Spenden akquirieren, dass wir uns zum Saisonstart 2021 die erste Drohne und das zugehörige Equipment für ca. 8000 Euro kaufen konnten.

Rehkitzrettung Rhein-Neckar e.V.Durch Werbung innerhalb der Jägerschaft, eine gute Zusammenarbeit mit dem Landschaftserhaltungsverband und dem Bauernverband konnten wir damit in die Saison starten. Ziemlich schnell zeigte sich, dass ein Team nicht ausreicht, um die Anfragen abzudecken. Deshalb musste rasch eine zweite Drohne her. Das Ergebnis sprach für sich selbst: Es gelang uns im ersten Jahr bereits 84 Rehkitze zu retten, wir flogen dafür ca. 445 ha Fläche ab. Zum diesjährigen Start konnten wir uns dann noch eine dritte Drohne anschaffen, grade rechtzeitig, um am 27. April die Saison 2022 einzuläuten.

Der typische Einsatz beginnt mit einem Anruf – meist melden sich dazu Landwirt oder Jäger via Telefon oder E-Mail in unserer Zentrale. Je früher, desto besser können wir planen. Die Einsätze werden dann via WhatsApp Gruppen an unsere Helfer weitergeleitet, die sich je nach Verfügbarkeit, örtlicher Nähe und Ausbildung zurückmelden. Wir stellen mindestens zwei Personen vor Ort und sind auf die Präsenz des Jagdpächters und/oder Landwirts angewiesen. Diese müssen uns die Flächen zeigen, damit diese kartiert werden können. Die Kartierung (kann auch vorab geplant werden) ermöglicht es dem Piloten die Flächen automatisiert abzufliegen.

Rehkitzrettung Rhein-Neckar e.V.Wenn ein Kitz geortet wurde, wird ein Helfer per Funk zur Stelle navigiert. Immobile Kitze (< 14 Tagen) werden aus der Wiese getragen. Dabei ist entscheidend, dass kein menschlicher Geruch auf das Tier übertragen wird. Daher verwenden wir Handschuhe und oder dicke Büschel Grass, um das Kitz zu bergen. An einem sichern Ort, (außerhalb der Mähfläche) wird das Kitz abgelegt und gegebenenfalls mit einer Box gesichert. Bereits mobile Kitze werden aus der Wiese getrieben und der Landwirt darauf aufmerksam gemacht. Hierbei sieht man, wie wichtig es ist, dass der Landwirt bei unseren Einsätzen anwesend ist.

Es hat sich auch gezeigt, dass wir auch erfolgreich Brücken schlagen konnten, wenn Jäger und Landwirte gemeinsam vor Ort agieren. Es stellt sich dann schnell in Gesprächen heraus, dass wir alle dasselbe Ziel haben und führt oft zu einem besseren Verständnis füreinander. Unser Konzept von einem „offenen“ Verein hat sich bewährt. Vielen Mitgliedern konnten wir Jäger die Zusammenhänge in der Natur verdeutlichen und ihnen neue Perspektiven zu einem besseren Verständnis unserer Kulturlandschaft aufzeigen. Unserer Meinung nach ist es zusammen mit dem Projekt „Lernort Natur“ die beste Möglichkeit, die Jagd in der Breite der Gesellschaft positiv darzustellen.

Zum Stichtag 15. Juni 22 haben wir bereits eine Fläche von 750 ha abgeflogen und damit 201 Kitze gerettet. Die Arbeit vor Ort summierte sich auf 471 ehrenamtliche Personeneinsatzstunden, Fahrtzeiten und Kosten nicht eingerechnet. Wie alle gemeinnützigen Vereine sind deshalb auch auf freiwillige Mithilfe angewiesen. Für die kommenden Monate planen wir verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, auf Informations-, Hegering- und naturschutznahen Veranstaltungen zu präsentieren, Ferienprogramme zu begleiten und die Printmedien zu verbessern. Weiterhin müssen wir weitere Piloten ausbilden und werden uns eine vierte Drohne anschaffen.

Weitere Informationen zu unserem Verein findet ihr im Web unter: http://rehkitzrettung-rhein-neckar.de/ oder in unseren Instagram & Facebook Kanälen! Hilf mit beim Leben retten!