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Wenn Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen, kommt Simon Schwenk zum Einsatz

Landesregierung hat Stadtjäger ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen

Text: Daniela Haußmann

Mit der Änderung des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes am 30. Juni sind in Baden-Württemberg Stadtjäger etabliert worden. Sie sollen laut dem Ministerium für ländlichen Raum das Wildtiermanagement im Siedlungsraum stärker professionalisieren und zukunftsorientiert weiterentwickeln. Aktuell arbeitet das Ministerium an einer Durchführungsverordnung, die Aufgaben und Ausbildung der Stadtjäger regelt, wie ein Sprecher mitteilt. Sie werde voraussichtlich noch im Herbst vorliegen, sagt der Ministeriumssprecher weiter. OSTFILDERN. Plötzlich war er da. Gleich neben dem Haus kletterte er den Baum hinauf, balancierte über Äste und dünne Zweige ganz nah an den Giebel heran. Mit einem beherzten Satz sprang er herüber, wuselte über die Regenrinne flink aufs Dach und verschwand unter einer der roten Hohlpfannen. Die Rede ist von einem Marder, der sich bei Sandra Kaiser in Ostfildern (Landkreis Esslingen) einquartiert hat.

Als die alleinstehende Frau vor rund zwei Jahren nachts aus dem Schlaf gerissen wurde, beschlich sie mehr als nur ein mulmiges Gefühl. Es krachte und schepperte, Schritte hallten durchs Haus. „Einbrecher“, dachte sie sofort. Aber von Fremden fehlte jede Spur. Da war Kaiser klar, dass sie einen tierischen Mitbewohner hat. Nächtelang machte der ordentlich Radau. Ihr Vermieter griff zum Telefon. Anrufe bei Behörden brachten nichts, der Kammerjäger war nicht zuständig, Tipps aus dem Internet waren nutzlos. Hilfe bekamen Kaiser und ihr Vermieter nicht. Wo sich der Mensch niederlässt, lebt sich es als Wildtier mitunter gut In ihrer Not stieg Kaiser nachts sogar auf den Dachboden, hoffte, den Störenfried zu vertreiben. „Aber als im Lichtschein zwei Augen aufblitzten, hab ich die Bühnentür gleich wieder zugemacht“, gesteht sie. „Ein wildes Tier kann Krankheiten übertragen, aber vor allen Dingen kann es mich, meine Tochter oder unsere Schildkröte beißen.“ Löcher im Dach, durchgebissene Isolierungen, angeknabberte Kabel, zerfetzte Kleider und übelriechende Ausscheidungen – der pelzige Störenfried hat wenig ausgelassen. „Als Stadtmensch ist man da ziemlich ratlos“, sagt Kaiser. Deswegen ist sie froh, dass die Landesregierung kürzlich die Institution des Stadtjägers ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen hat.

Einer, der die Ausbildung beim Jagd – Natur – Wildtierschützerverband durchlaufen hat, ist Christian Schwenk. „Er ist der Erste“, laut Kaiser, „der die Lage vor Ort bewertet hat, der mir aktuell Verhaltens- und Handlungstipps gibt.“ Dank ihm weiß sie auch, was sie präventiv tun kann, um Probleme mit Wildtieren zu vermeiden. Die zieht es laut dem Wildtierbericht 2018 mehr und mehr in Siedlungsgebiete. Schwenk wundert das nicht. Denn wo sich der Mensch niederlässt, finden viele von ihnen ein gutes Leben. Gleichzeitig wachsen viele Kommunen im Zuge der Baupolitik auch am Siedlungsrand. „Während ein Teil der Tiere auf der Suche nach neuen Lebensräumen abwandert, drängt der andere in die Kommunen“, erklärt Schwenk. Wenn Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen, kommt Simon Schwenk zum Einsatz Landesregierung hat Stadtjäger ins Jagd- und Wildtiermanagementgesetz aufgenommen Text: Daniela Haußmann „Und dort kommen sie auf Komposthaufen, in Mülltonnen, Gärten, Parks, durch direkte oder indirekte Fütterung ganzjährig leicht an Nahrung.“ Außerdem bieten menschliche Siedlungen ein milderes Klima als natürliche Lebensräume und sie sind reich an Strukturen, die vielen Habitaten in freier Wildbahn ähneln, wie im Handbuch „Wildtiermanagement im Siedlungsraum “ der Universität Freiburg zu lesen ist. Hinzu kommt, dass die Jagd in befriedeten Bezirken, also innerhalb kommunaler Grenzen, ruht. „Wildtiere merken hier schnell, dass vom Menschen keine Gefahr ausgeht“, so Schwenk.

All das führt letztlich dazu, dass einige Arten zunehmend Dörfer und Städte für sich entdecken, womit die Wahrscheinlichkeit von Konflikten zwischen Mensch und Tier steigt. Von einer Kommune eingesetzt, hat ein Stadtjäger viele Befugnisse „Konventionelle Strategien und Methoden des Wildtiermanagements in ländlichen Gebieten und freier Landschaft lassen sich nicht einfach auf Bereiche übertragen, in denen Menschen auf engem Raum leben“, sagt Schwenk. Das Know-how bringen speziell qualifizierte Stadtjäger mit, genauso wie Kompetenzen bei der Entwicklung von Präventionsmaßnahmen und in puncto Beratung, zum Beispiel für Verwaltungen bei der Bauplanung und Siedlungsentwicklung, um Konflikte präventiv zu vermeiden. Außerdem besitzen Stadtjäger ihm zufolge weitgehende rechtliche Befugnisse, wenn Kommunen sie einsetzen. In Fragen des Wildtiermanagements könnten sie damit schneller und unbürokratischer weiterhelfen als „normale“ Jäger. Als Stadtjäger darf Schwenk, nach Genehmigung der örtlichen Polizeibehörde, auch Waffen einsetzen, um etwa in Stadtparks Überpopulationen abzubauen.

Die Schussdistanzen sind hier kürzer als in Wald und Flur. Dementsprechend nutzen Stadtjäger teilweise andere Waffen und Schießstrategien als Jäger in Feld und Flur, wie Schwenk bemerkt. Kaiser jedenfalls hat seinen Rat befolgt und hat den Baum hinterm Haus gestutzt. Das faustgroße Loch im Dach wird demnächst geschlossen. So lässt sich das Tier problemlos vergrämen. Aktuell brauchen Stadtjäger, die von Grundbesitzern beauftragt werden, noch eine Einzelfallgenehmigung von der Unteren Jagdbehörde, wenn sie bei Problemen mit Wildtieren tätig werden, wie Hans-Ulrich Endreß vom Jagd – Natur – Wildtierschützerverband berichtet.

Er hofft, dass mit der Durchführungsverordnung, die das Ministerium für ländlichen Raum aktuell ausarbeitet, ein unbürokratischeres und schnelleres Vorgehen möglich wird. Bis dahin geht Schwenk die Arbeit nicht aus. Immer öfter klingelt sein Telefon, weil zum Beispiel ein Dachs die Garage untergräbt, ein Fuchs durch den Garten streift oder Waschbären unter dem Dach eine Familie gründen.

STAATSANZEIGER – Wochenzeitung für Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Baden-Württemberg 18. September 2020 l 170. Jahrgang 1 Nr. 37